Das Gute, das Böse und das Herrenhandtäschchen

Festrede zum 50. Berufsjubiläum der Pastoralreferent*innen

9. November 2021


1971 war das Jahr des Herrenhandtäschchens. Dieses Accessoire wurde notwendig, weil die Herren neue Hosen trugen, in Gelb, Rosa oder Lila, aus Trevira, knitterfrei und knisternd. Ob sie wegen der Kunstfaser oder der Erotik knisterten, ist schwer zu sagen. Diese Hosen schlugen unten weit aus und waren oben so eng, dass ein Portemonnaie anderswo verstaut werden musste.




Das weibliche Must-Have des Jahres 1971 war kaum größer als ein Herrenhandtäschchen. Frauen hatten die ganz kurzen Hosen an: Hot Pants.


"Aufmüpfig" - das Wort des Jahres 1971


Festvorträge müssen immer die „Zeichen der Zeit im Lichte des Evangeliums deuten“. Jesus hat nichts zu Hot pants gelehrt, eine Handtasche trug er auch nicht. Wer ihm nachfolgt, sagte er laut Lukas, solle auf jeden Besitz verzichten. Wer keinen Besitz hat, braucht keine Taschen. In der Bergpredigt zürnt er: „Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen, was werden wir trinken, womit werden wir uns kleiden? Nach solchem allem trachten die Heiden.“


Die heidnischen Äußerlichkeiten des Jahres 1971 SIND Zeichen der Zeit: Das Willy-Brandt-Land machte sich locker. „Aufmüpfig“ war das Wort des Jahres, des erste „Wort des Jahres“ überhaupt.


Die römisch-katholische Kirche hatte schon in den 60er Jahren das Korsett gelockert und Brokat abgeworfen. Aber auf Hotpants und enge Schlaghosen waren die Väter des Zweiten Vatikanischen Konzils nicht vorbereitet. Auf dem Essener Katholikentag von 1968, dem katholischen Woodstock, sah die Hierarchie wieder alt und verklemmt aus. Auf die sexuelle Revolution und die feministische Bewegung wusste Papst Paul VI. keine andere Antwort als den Griff in die römische Klamottenkiste.


"Sperren werden überspruhungen"


Bundeskanzler Willy Brandt hatte 1969 versprochen, mehr Demokratie zu wagen. Etwas Ähnliches versuchte die römisch-katholische Kirche in Deutschland 1971 auch. Im Jahr der Würzburger Synode traten die ersten Pastoralreferentinnen und -referenten ihren Dienst an. Sie waren die Neuen.


Die Neuen trugen Jeans und Selbstgebatiktes, Schlaghosen und Hotpants eher nicht, denn die standen unter Kommerzverdacht. Die Neuen konnten drei Akkorde auf der Gitarre. Die katholische Version von „The times they are a-changin‘“ hieß „Singt dem Herren alle Völker und Rassen“ (heute nicht mehr woke), „Unser Leben sei ein Fest“, „Manchmal feiern wir mitten im Tag ein Fest der Auferstehung“. Darin heißt es: „Sperren werden überspruhungen“. Sie kennen das.


Ungeweiht, aber eingeweiht


Die Berufsbezeichnung „Pastoralreferent“ klang in den Siebzigern nicht hot, sondern nach Herdenverwaltungsbehörde. Aber immerhin: Von da an gab es nicht mehr nur den Herrn Pastor, es gab auch unpriesterliche Geschöpfe, die Hirten sein durften. Laien zwar, aber mit Volltheologiestudium. Ungeweiht, aber eingeweiht.


Und sogar: Frauen in der Nähe des Allerheiligsten. Um nicht zu sagen: Hirtinnenähnlichewesen. Und das, obwohl auch die Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts noch voll ist mit frauenfeindlichen Aussagen über die Minderwertigkeit und Unreinheit des Weibes.


Für das Buch „Weiberaufstand“ habe ich mit Pastoralreferentinnen der ersten Generation gesprochen. Sie erzählen, dass zwischen ihnen und dem Priester ein Möbelstück stehen sollte, damit das Weib den Gottesmann nicht verführt. Sie erzählen, dass sie nicht mehr in Altarraum durften, wenn sie – brav verheiratet wohlgemerkt – schwanger waren.


Wenn ein Beruf das Wort Referat im Titel trägt, sind eigentlich Zuständigkeiten klar. In Ihrem Fall nicht: Das Berufsbild mussten oder durften die Neuen selbst definieren. Sie tun, was nicht ausdrücklich verboten ist. Oder was dem Herren Pastor unangenehm, vielleicht zu persönlich ist. Die Neuen hatten, anders als viele Priester Anfang der Siebziger, keinen Rücken-zum-Volk-Hintergrund. Sie waren per se zugewandt, obwohl das Volk nicht so genau wusste, wie man die Neuen korrekt anspricht.


"Guten Tach, Herr Pastor"


Ich bin 1968 geboren, in einem Dorf zwischen Köln und Bonn aufgewachsen. Meine Mutter hat demnächst 70jähriges Kirchenchorjubiläum. Sie engagiert sich in der kfd. Meine Oma trug eine Kittelschürze, aus deren Tasche der Rosenkranz hing. Sie gehörte bis zu ihrem Tod mit 83 Jahren trotz oder wegen siebenfacher Mutterschaft der Jungfrauenkongregation an. „Wunder gibt es immer wieder“, behauptete ein Schlager der 70er Jahre.

Meine Oma wohnte dem Pfarrer gegenüber. „Guten Tach, Herr Pastor“ war der erste Vier-Wort-Satz, den wir Kinder lernten. Die Straße heißt übrigens bis heute Pastor-Breuer-Straße.

Wir bekamen in den 70er einen neuen Pfarrer, den Nachfolger von jenem Pastor Breuer. Der begann eine Partnerschaft mit einer Gemeinde in Kenia, von da an stand unsere Kirche nicht nur im Dorf, sondern in der Welt. Als dauersichtbares Zeichen kam ein bunter, locker gewobener, afrikanischer Teppich an die Wand hinter den Altar.


Eine Weihbischofsmütze passt ins kleinste Handgepäck


Sie sehen: Die Beziehungen zwischen dem Erzbistum Köln und Kenia haben eine lange Tradition. Eine Weihbischofsmütze passt zudem ins kleinste Handgepäck.


Jedenfalls musste in den Siebzigern das Pfarrheim erweitert werden, weil so viele dabei sein wollten, als sich die Kirche locker machte. Meine Freundinnen und ich machten auch mit, im Kinderchor, später in der Jugendarbeit. Jazz- und Beatmessen, mit Schlagzeug, Saxofon, Keyboard. Unser Gemeindeleben war ein Fest.


Wenn Sie damals gefragt hätten, wer Erzbischof von Köln ist: Ich hätte es nicht gewusst. Für Teestuben, Frühschichten, Jugendgottesdienste erbaten wir keine Erlaubnis. Erst als Mitte der 80er das rote Liederbuch der KJG verboten wurde, bemerkten wir die klemmige Hierarchie.

Es ist ein Mädchen


Eine Pastoralreferentin bekamen wir in den Siebzigern nicht. In den Achtzigern dann die Sensation: Dat Monika ("Das Monika", nicht „die Monika“. Weibliche Wesen werden im Rheinland als Neutrum betrachtet). Ein Mädschen, sagte das Kirchenvolk. Eine Gemeindeassistentin, lautete die korrekte Bezeichnung.


Sie machte das, was der Herr Pastor nicht machte. Frühschichten zum Beispiel oder kritische Exerzitien mit uns Jugendlichen. Da fragten wir uns zum Beispiel, ob et Bedde sich lohne dät. Ob das Beten sich lohnen würde. So hieß damals ein Lied von BAP, das im roten Liederbuch stand.


Einige von Ihnen dürften ähnliche volkskirchliche Erfahrungen haben. Sind in diese Kirche hineingewachsen, aus Tradition, aus Treu und Glauben, aus Idealismus. Aus Mangel an Alternativen: weil es im Dorf nur die Wahl zwischen Fußball und Kirche gab. Oder weil in der Teestube Markenklamotten und Modelmaße nicht so wichtig waren wie anderswo.


Hochwürden ist tief gefallen


Diese Volkskirche war mitnichten die Idylle, die ich hier skizziert habe. Hochwürden ist tief gefallen. Massenhafter sexueller Missbrauch ist auch massenhafter Machtmissbrauch. Pastoralreferent*innenn und -referenten stehen kaum unter Machtverdacht. Es ist heute ein Vorteil, kein Kleriker zu sein.


Sie sind nach 50 Jahren nicht mehr die Neuen, eher die Guten, obwohl es auch in Ihrer Berufsgruppe Täter gibt.


Sie sind die Guten, weil sie Trauende trösten, Tote begraben, vergessene Tote würdig beerdigen, weil sie Dürstenden zu trinken geben, Fremde beherbergen. Weil sie hingehen, zuhören, schweigen, trösten. Weil sie mitten Leben stehen. Manche von Ihnen lieben lebensweltliche Einstiege so sehr, dass sie im Einschulungsgottesdienst - an der Stelle, die nicht Predigt heißen darf - Plastikreifen aufblasen und erklären: „Gott ist wie dieser Rettungsring“


Die Herren behalten die Hosen an


Die meisten von Ihnen empfinden ihr Tun als sinnvoll, erleben sich als wirksam, bekommen positive Resonanz. Weil der Weihwasserspiegel kirchlichen Grundwissens sinkt, merken die Menschen, mit denen Sie es zu tun haben, oft nicht mehr, ob der Herr Pastor die Großmutter beerdigt hat oder der Pastoralreferent.


Und sonst? Der Staat hat mehr Demokratie gewagt, er hat das Versprechen aus Artikel 3 des Grundgesetzes mit jahrzehntelanger Verspätung eingelöst. Die römisch-katholische Kirche gab sich vor 50 Jahren ein weiblicheres Antlitz, die Herren behielten die Hosen an. Die Pastoral mag sich verändert haben, die diskriminierende Lehre vom weiblichen Wesen, seiner Bestimmung und vor allem seiner Nicht-Bestimmung bleibt. Auch das Hohelied auf die anglich weiblichen Charismen ist Diskriminierung.


Die katholischen Sperren wurden nicht überwunden: Die Ständeordnung besteht ebenso wie die Geschlechterordnung. Die Würzbürger Synode hat viel Papier produziert. Was sie substanziell gebracht hat, passt in ein Herrenhandtäschchen, das locker-leicht am Klerikerhandgelenk baumelt.


Zum Wegwerfen zu schade


Reformformate sind wie die Schlaghose, die ab und an ein Comeback erlebt: Zum Wegwerfen ist sie zu schade. Aber sie knistert nicht mehr so verheißungsvoll wie das Trevira-Teil der 70er, als das alles neu und aufregend war.


Im Sprechtraining fürs Radio habe ich gelernt: Vor wichtigen Aussagen und nach wichtigen Aussagen ist eine Pause notwendig. Da ich mich auf zehn Minuten Redezeit beschränken soll, denken Sie sich bitte jetzt eine lange Pause davor und danach hinzu:


Die Neuen sind 50. Es ist gut, dass es Sie gibt


Sie hätten mich wohl nicht eingeladen, wenn Sie sich die James-Last-Party-Platte der 70er Jahre wünschten.


Ein gedankenloses Weiter-So, ein „Ad multos Annos“, wie es in gehobenen katholischen Kreisen üblich ist, eine „Jede Krise ist eine Schangse“-Weisheit haben Sie nicht verdient.


Drei Wünsche

1. Viele von Ihnen hissen die Regenbogenfahne, Liebe gewinnt, üben pastoralen Ungehorsam. Ich wünsche Ihnen eine Kirche, in der Menschen gleichberechtigt sind, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung. Wenn Sie - Angestellte dieser Kirche - als Mann einen Mann und als Frau eine Frau lieben, dann wünsche ich Ihnen, dass sie heiraten können, wenn Sie das möchten. Öffentlich, kirchlich, fröhlich, jedenfalls nicht heimlich und mit Angst.


2. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich zu wehren wissen, wenn Ihre gute Arbeit benutzt wird, um Böses zu tarnen. Keiner Ihrer obersten Vorgesetzten, niemand von ihren Dienstgebern, keiner von jenen Glaubenswächtern, die Ihnen das Predigen verbieten, hat aus eigenem Antrieb gesagt, was eigentlich los ist in dieser Kirche.


Was wir über Missbrauch wissen, wissen wir, weil Betroffene allen Mut zusammengenommen haben. Weil Journalistinnen und Journalisten recherchiert haben. Weil Whistleblower*innen uns von den Medien schon mal kirchliche Papiere zuspielen. Auch ich habe einzelne Geschichten, die eben keine Einzelfälle sind, minutiös nachgezeichnet.

Was dann sichtbar wird, ist nicht die ach so lustige rheinisch-katholische Doppelmoral. Es ist Unmoral, oft kriminelle Energie. Das ganze Brimborium mit den dicken Gutachten lenkt davon ab, dass an Bistumsspitzen nicht das minimalste ethische Minimum erfüllt wurde – schütze die Schwachen, die Kinder, die Jugendlichen, aber auch Kolleginnen und Kollegen von Ihnen, wie wir spätestens seit dem Buch "Erzählen als Widerstand" wissen.


Das alles zu wissen, macht das Dabeisein zur Gewissensfrage. 1000 Suppenküchen können einen Missbrauch nicht aufwiegen. Lassen Sie sich nicht zu Verrechnungsobjekten machen. Seien Sie Subjekt.

3. Ich wünsche Ihnen, dass Sie keine Sätze von der Sorte mehr sagen müssen: „Ich habe hier meinen kleinen Freiraum, da kann ich viel Gutes gestalten“. In autoritären Regimen braucht der Mensch Nischen. In freiheitlichen sind Freiräume die Regel, nicht die erwähnenswerte Ausnahme. Ich wünsche Ihnen eine Kirche, in der Sie größer denken können als im Herren-Handtäschchenformat.

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