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"Ich hatte immer Schuldgefühle"

Julia Sander engagiert sich im Betroffenenbeirat im Erzbistum Freiburg. Sie selbst wurde als Kind Opfer sexualisierter Gewalt, als Täter nennt sie auch katholische Priester. Am 4. Januar 2023 haben wir uns in ihrer Wohnung getroffen. Es ist das erst längere Interview, das Julia Sander unter ihrem richtigen Namen gibt, bisher hat sie sich nur unter Pseudonym geäußert.


Das Thema Missbrauch ist allgegenwärtig in den Medien, gerade im Zusammenhang mit der römisch-katholischen Kirche. Aber es kursieren in der Berichterstattung viele Legenden, denen Julia Sander widerspricht. Eine Legende ist die Behauptung, die Opfer hätten lange geschwiegen. Eine andere ist: Die "einfachen Gläubigen" könnten für Betroffene nichts tun, eine dritte, die Kirchenhierarchen leisteten doch schon so viel für die Aufarbeitung. Das Wort Vertuschung hält Julia Sander für verharmlosend.

Unvermeidlich angesichts des Gesprächstermins: Auch über Joseph Ratzinger haben wir gesprochen.


Das Interview wurde am 10. Januar 2023 im Deutschlandfunk gesendet.

Betroffenen-Beirätin Sander - "Ratzinger hätte Missbrauchsbetroffenen viel Leid ersparen können" (deutschlandfunk.de)




Christiane Florin: Frau Sander, wie bezeichnen Sie sich: als Opfer, Betroffene, Überlebende?

Julia Sander: Ich bin inzwischen dabei, mich als Überlebende zu bezeichnen. Ich finde, dass man sich sehr mit den Missbrauchsbiografien beschäftigt, indem man beschreibt, was passiert ist. Aber wenn ich auf Betroffene treffe, dann finde ich wesentlich spannender, wie diese Menschen überlebt haben und welche Kompetenzen sich entwickelt haben. Ich finde in meiner Biografie auch wichtiger, wie ich es geschafft habe, das zu überleben und nicht, was ich erlebt habe.


Florin: Das heißt: Wir gehen jetzt nicht detailliert auf das ein, was Sie erlebt haben. Aber ein bisschen müssten wir ansprechen: Sie sind als Kind von Priestern vergewaltigt worden. Sie haben verschiedene Täter. Keiner von denen ist kirchenrechtlich oder von weltlichen Gerichten belangt worden. Wie haben Sie dieses Schreckliche überlebt?

Sander: Ich glaube, dass ich es überlebt habe, weil ich als Kind gar keine andere Option hatte. Also das war eine Normalität. Es gab Dinge, die passiert sind, über die man nicht sprechen durfte. Das kennen Kinder aus ihrem Lebensalltag in verschiedenen Kontexten, dass es Sachen zu Hause gibt, die man nicht in der Schule erzählt. So war das für mich auch. Ich bin einfach mit einer anderen Normalität aufgewachsen als die Normalität, die wir anderen Kindern zuschreiben würden.

Ich war insofern geschützt, als dass ich kleine Geschwister hatte und auf keinen Fall wollte, dass denen etwas Schlimmes passiert. Von daher war ganz klar, dass ich tun muss, was mir geheißen wird und dass ich aufpassen muss, dass es anderen Kindern nicht passiert.


"Ich war für die Täter ein Objekt, das sie benutzt haben"


Florin: Hatten sie als Opfer Schuldgefühle?

Sander: Ja, ich hatte immer Schuldgefühle. Das wurde mir von Tätern auch sehr genau beigebracht. Da war immer die Legende von: „Ich muss das jetzt mit dir tun, weil du ein böses Kind bist. Wir müssen das machen, damit du dich von deiner Schuld reinwäschst. Du hast mich verführt, deshalb muss ich das jetzt tun.“ Ich bin damit aufgewachsen, dass ganz klar war, dass ich schuld bin. Es hat ganz viele Jahre Therapie gebraucht, bis ich verstanden habe, dass das, was passiert ist, überhaupt nichts mit mir zu tun hat. Dass ich da gar kein handelndes Subjekt war, sondern dass ich für die Täter ein Objekt war, das sie benutzt haben.


Florin: Wer hätte Ihnen helfen können als Kind?

Sander: Mir hätten viele Leute helfen können. Wenn ich mit anderen Betroffenen spreche, dann merke ich, dass wir sehr geprägt davon sind, dass wir immer wieder hören: „Die Betroffenen haben zu lange geschwiegen." Ich habe das wirklich selber geglaubt und verinnerlicht. Irgendwann habe ich angefangen, eine Kiste zu durchwühlen. Dann habe ich gesehen: Ich war ein Kinderschutzfall par excellence. Ich hatte zum Beispiel zwei Röntgenpässe, die aneinander getackert waren, weil ich so viele Frakturen hatte, dass ich ständig zum Röntgen musste. Alle wussten das in der Schule, und man hat sich auch darüber lustig gemacht. Es stand auch in unserer Abschlusszeitung: „Julia hatte Knochen gebrochen und Sehnen gerissen, von denen andere nicht mal wissen, dass sie sie haben“


Florin: Durch den Missbrauch?

Sander: Ja. Das stand da drin. Selbst wenn niemand wusste, woher das stammt, dann ist doch erstaunlich, dass man zwei Röntgen-Pässe aneinander tackert und so tut, als sei das ganz normal, und dem nicht weiter nachgeht. Die Lehrer in der Schule hätten mir helfen können. Es war auch nicht so, dass ich gar nichts gesagt hätte. Ich war ausgeprägt verhaltensauffällig. Ich habe geschwänzt. Ich habe teilweise Angstzustände gehabt und konnte nicht sprechen, wenn ein Lehrer mit mir gesprochen hat. Dann war ich zwischendurch aber auch wieder superfrech.

Wenn ich da jetzt heute als Pädagogin draufgucke, dann würde ich sagen, dass das ein sehr auffälliges Verhalten war. Ich war in Sportvereinen, da hätten Selbstverletzungen auffallen können. Ich war bei Ärzten, die alle möglichen Sachen irgendwie behandelt haben und auch immer gesagt haben: „Ja, was hast du denn schon wieder gemacht?“ Die dann quasi mir auch noch mal bestätigt haben: „Du hast was gemacht, dass du verletzt bist.“ Aber niemand hat gefragt. „Was passiert mit dir? Warum hast du all diese Verletzungen? Warum taucht es immer wieder auf?“


"Ich finde es beängstigend, welche Macht ein Priester in einer Beichtsitation übernehmen kann"


Florin: Derjenige, den sie als Haupttäter bezeichnen, hat die erste Vergewaltigung in der Beichte angebahnt. Welche Rolle hat das gespielt, dass es die Beichte war?

Sander: Ja, er hat die Beichte im Grunde genutzt, um mich auszufragen. Er hat gefragt, warum ich so viele blaue Flecken habe, warum ich nicht gerne nach Hause gehen möchte. Er hat mir gesagt, ich müsse ihm alles sagen, was ich weiß und was passiert ist. Und ich müsse ihm auch alles zeigen, was an meinem Körper passiert ist, weil er ein Vertreter Gottes sei und es sowieso weiß. Wenn ich es ihm jetzt nicht sage und nicht zeige, dann sei das das Nicht-Zeigen eine Sünde. Und für die werde ich bestraft werden. Und nicht nur ich werde bestraft werden, sondern auch meine Geschwister.

Also war für mich vollkommen klar: Der weiß sowieso alles, und ich muss alles machen, was er sagt. Sonst sind meine Geschwister dran. Dann hat er die Beichte genutzt, um mich immer weiter auszufragen. Irgendwann war ihm über die Beichte klar, dass er ein Kind vor sich hat, das wahrscheinlich nicht gut geschützt wird. Das hat er genutzt.

Ich finde es rückblickend wirklich beängstigend, welche Macht ein Priester in einer solchen Beichtsituation übernehmen kann.


Florin: Dieser Beschuldigte ist mittlerweile tot. In seinem Nachruf - einem Zeitungsartikel - stand, er sei immer sehr "nahbar" gewesen. Das Wort ist zynisch, wenn man die Hintergründe kennt. Er gehörte dem liberalen Flügel der katholischen Kirche an, war für die Freistellung des Zölibats, für die Diakoninnen-Weihe. Welche Rolle hat dieses Lockere, dieses Liberale gespielt für das Nichtstun der Umstehenden?

Sander: Erst einmal hat er das gemacht, was ganz klassisch ist für Täter, die im kirchlichen Kontext auf Kinder zugreifen. Das sind ja nicht die schwarzen Männer, die aus dem Gebüsch springen, sondern das sind die empathischen Menschen, die sich gut in Kinder einfühlen können, die Leute für sich gewinnen können, die die Gemeinde auf ihre Seite bringen, die allen zusammen ermöglichen, tolle Momente zu erleben, tolle Messen miteinander zu feiern, wo jeder dabei sein möchte. Da wird aber dem Kind, das mit ihm im Raum ist, auch ganz klar: Ich bin in der Situation, da kniee ich als Messdienerin auf einem kleinen Kissen. Und dann gibt es die große Gemeinde, und alle himmeln ihn an. Und er sagt etwas und alle applaudieren wild. Man durfte bei ihm im Gottesdienst auch applaudieren. Und er war für die Ökumene.


"Mein Leben wurde so beschädigt, dass ich nicht die sein kann, die ich eigentlich bin"


Florin: ... und für Messdienerinnen. Sie waren eine der ersten Messdienerinnen in der Gemeinde.

Sander: Genau. Er hat mich persönlich herangezogen. Es war auch das Deckmäntelchen, unter dem er mich persönlich ausbilden musste, denn wir waren ja die ersten Mädchen. Das war dann natürlich eine exklusive Ausbildung.


Florin: Was empfinden Sie heute ihm gegenüber?

Sander: Das ist ganz schwierig. Natürlich ist er ein Missbrauchstäter, und er hat dafür gesorgt, dass mein Leben in großen Teilen so beschädigt wurde, dass ich nicht die sein kann, die ich eigentlich bin. Ich habe jede Nacht mit Albträumen zu kämpfen. Ich bin nicht mehr im Berufsleben, obwohl ich glaube, dass ich kognitiv sehr gut in der Lage wäre, zu arbeiten. Ich finde es ziemlich schwierig, das auszuhalten.

Aber gleichzeitig war er mein wichtigster Vertrauter. Es war der Mensch, der mich am ehesten gefragt hat: "Wie geht es dir? Was brauchst du?" Das war der Mensch, der mir ma. heimlich Geschenke gemacht hat.


Florin: Der Ihnen Milka Schokolade geschenkt hat.

Sander: Genau. In unserer Familie gab es keinen oder wenig Zucker zu essen, und die Milka-Schokolade war ein Symbol für Zuwendungen.


"Missbrauch bedeutet, dass die eigene Wahrnehmung umgedreht wird"


Florin: Sie haben vor einigen Jahren Ihre Geschichte aufgeschrieben, weil Sie einen Antrag gestellt haben auf die Leistung der Anerkennung des Leids. Sie haben also bei der römisch-katholischen Kirche diesen Antrag gestellt, der ist auch bewilligt worden. Das bedeutet: Man glaubt Ihnen. Dass wir hier von "Tätern" sprechen, obwohl kein Urteil vorliegt, das hat damit zu tun, dass sie eine „anerkannte Betroffene“ sind.

Viele Betroffene beschreiben diesen Moment, in dem ihnen jemand von der Kirche sagt oder zumindest signalisiert: „Wir glauben Ihnen“ als einen Moment, der etwas grundlegend verändert hat. War das für Sie auch so?

Sander: Ja, für mich war das tatsächlich so. Es gab zum Beispiel ein Gespräch mit unserem (Freiburger) Generalvikar, der mir sehr klar gesagt hat, dass aus einem Beichtgespräch niemals ein Auftrag für den, der beichtet, hervorgehen kann. Das war für mich ein ganz wichtiger Moment, denn ich habe immer nach meiner Schuld gesucht und in dem Moment gab es quasi eine fachliche Begründung dafür, dass das, was da passiert ist, schon in dem Moment, wo er (der Priester) für mich einen Auftrag daraus ableitete, nicht richtig war.

Ich glaube, man kann nur anfangen, seine Geschichte zu verarbeiten, wenn es irgendwann den Punkt geht, an dem jemand sagt: Ja, so war's. Missbrauch bedeutet immer, dass die eigene Wahrnehmung umgedreht wird und dass das, was passiert ist, umgedeutet wird. Das ist schon eine elementare Änderungen im Leben, wenn jemand nicht anfängt, das zu relativieren oder umzudeuten, sondern sagt: Ja, das ist passiert.


Florin: Wir sind hier im Erzbistum Freiburg, Sie engagieren sich in Freiburg für die Betroffenenarbeit, sind Mitglied im Betroffenenbeirat. Mit welchem Ziel machen Sie das?

Sander: Die Frage lässt sich gar nicht so leicht beantworten, weil alleine schon die Gruppe der Betroffenen so breit gestreut ist und Betroffene so komplex sind, dass man gar nicht sagen kann: Das sind die Leute, die wir vertreten.

Ich habe meine eigene Biografie, und aufgrund dessen habe ich vieles erlebt. Ich bin vielleicht dazu in der Lage, das anderen zu erklären. Ich habe Worte dafür. Viele Betroffene haben keine Worte für das, was ihnen passiert ist, und können sich deshalb auch nicht selber vertreten oder Hilfe holen. Deshalb geht es im Grunde darum, stellvertretend für andere, die das nicht selber tun können, zu beschreiben, was passiert ist und was sich daraus ableiten lässt.

Ich bin der Meinung, dass in der Kirche alles, was zum Thema Umgang mit Missbrauch passiert, nicht mehr ohne Betroffenen-Beteiligung stattfinden darf. Ich würde sagen, dass Betroffenenbeteiligung eine Expertise ist, die als solche anerkannt werden muss. Gleichzeitig ist es natürlich schwierig, denn ich bin nicht durch meine Betroffenheit qualifiziert, andere zu vertreten, sondern ich habe Pädagogik studiert und ich gehe in eine professionelle Rolle. Ich schaue mir an, welche Klienten habe ich, was brauchen die? Und wie muss sich sie vertreten? Das übertrage ich auch auf die Betroffenen-Beteiligung.


"Ich habe ein Pseudonym verwendet, weil ich mich nicht beschädigen wollte"


Florin: Sie haben lange unter Pseudonym gearbeitet, jetzt nennen Sie Ihren richtigen Namen öffentlich. Was bedeutet das, mit dem eigenen Namen und mit der eigenen Stimme an die Öffentlichkeit zu gehen?

Sander: Ich habe am Anfang ein Pseudonym verwendet, weil ich mich nicht beschädigen wollte. Ich glaube, dass es schnell passieren kann, dass man beschädigt wird. Ich habe aber verschiedene Erfahrungen gesammelt. Die eine war: Wenn ich mit anderen Betroffenen spreche, denke ich nie: „Das sind aber komische Leute“. Sondern es waren immer Leute, vor denen ich großen Respekt gewonnen habe, wenn ich verstanden habe, was sie erlebt haben und wie sie gelernt haben zu überleben.

Die andere Sache war: Ein Teil der Missbrauchsgeschichte ist, dass man auferlegt bekommt, man müsse schweigen. Wenn man seine Geschichte erzähle oder wenn man die Wahrheit sage, dann beschädige man damit andere.

Ich bin jetzt über 40. Und ich glaube, dass ich einschätzen kann, inwieweit ich andere Menschen schädige in meinem Leben und inwieweit nicht. Ich würde sagen, dass ich sehr gut darauf aufpasse, dass ich andere Leute nicht schädige. Aber für mich ist es inzwischen so, dass ich sage: Ich schädige mich, wenn ich so tue, als wäre ich nicht ich und als wäre es nicht mir passiert. Ich habe eine Stimme, ich kann sprechen. Ich glaube letztlich, dass wir Betroffene, die wir erwachsen sind, sprechen müssen, weil es Kinder gibt, die genau das, was wir vor 20 oder 30 Jahren erlebt haben, jetzt gerade erleben. Es muss klar sein, dass wir da sind.


Florin: Zu Ihrer Arbeit im Betroffenenbeirat in Freiburg gehört auch die Erstellung eines Gutachtens, einer Studie, eines Berichts. Darin wird das, was im Erzbistum an Missbrauch geschehen ist, was hier aktenkundig ist, aufgearbeitet. Das ist nicht der erste Bericht dieser Art, einige Bistümer haben schon Gutachten vorgelegt. Aufgrund meiner Erfahrung würde ich sagen: Die Öffentlichkeit stumpft ab. Ist das Ihr Eindruck auch?

Sander: Ja, ich glaube, das passiert einfach, weil alle hilflos sind. Ein Gutachten sagt einem in der Regel nicht, was man jetzt tun soll. Im besten Fall deckt es auf, wer wofür verantwortlich war. Aber dann ist allen, die es lesen, eine moralische Bewertung überlassen. Die meisten Leute sind hilflos, wie man damit umgehen soll. Man muss ja auch, was Betroffene angeht, sagen: Wenn die drei Wochen später auf ihrer Couch sitzen, dann hat sich in ihrem Leben nicht viel getan, nachdem ein Gutachten veröffentlicht wurde.


Florin: Was würde denn etwas verändern? Was wäre Hilfe?

Sander: Ich glaube, dass wir alle aufhören sollten, darauf zu warten, dass irgendjemand dieses Missbrauchsproblem lösen wird. Jeder sollte für sich schauen, was er tun kann, damit sich die Situation verändert. Natürlich würde ich mir wünschen, dass die Bischöfe anders mit ihrer Verantwortung umgehen und anders mit Betroffenen umgehen.

Aber ich würde mir zum Beispiel auch wünschen, dass Katholiken, die diese Gutachten hören und die wissen, dass das in ihren Gemeinden stattgefunden hat, sich überlegen, was sie denn für Betroffene tun können.


Florin: Was wäre das zum Beispiel? Einerseits geht es um das Herausfinden der Wahrheit oder der Wirklichkeit, andererseits sicherlich auch um konkrete materielle Hilfe.

Sander: Ja. Betroffenen wird immer gerne vorgeworfen, es ginge ja nur um Geld. Aber wir müssen uns anschauen, was mit den Leuten passiert ist. Das sind Kinder, die haben Missbrauch erlebt, die haben nicht die Hilfe bekommen, die sie hätten bekommen sollen. Die sind nicht in die sozialen Entschädigungssysteme reingerutscht, in die sie hätten reinkommen müssen. Ganz viele Dinge, die sie brauchen, kann man halt mit Geld kaufen.

Ich glaube auch, dass es symbolisch unfassbar wichtig wäre, wenn Kirchenmitglieder das täten, was sie in jedem anderen Fall auch tun, wo jemand Unrecht geschieht. Wenn ein Krieg losbricht oder eine Katastrophe, dann wird es erst mal ein Spendenkonto eingerichtet. Dann spenden alle, die irgendwie können. Dann überlegt man: Okay, was brauchen die Leute noch? Und was können wir für sie tun? Bezogen auf Betroffene kann ich nicht verstehen, warum nicht irgendwann mal jemand sagt: "Wenn ein Gutachten veröffentlicht wird, dann eröffnen wir ein Spendenkonto. Jeder sagt: Ich finde es ganz schrecklich, aber ich möchte den Leuten irgendwie was Gutes tun. Und ich möchte auch zeigen: Es tut mir leid, was passiert ist im Namen meiner Institution, bei der ich Mitglied bin."

Auf dieses Konto könnten dann auch die Leute spenden, die sagen: "Ich weiß, dass ich eine Mitschuld habe, und ich war mit beteiligt. Aber ich möchte auch auf diese Weise irgendwie zum Ausdruck bringen, dass ich jetzt zumindest ein bisschen was tun kann."


"Die Kirche sollte regelmäßig eine Kollekte für Betroffene machen und das als Schmerzensgeld auszahlen"


Florin: Eine Kollekte für Betroffene wäre auch eine gute Idee?

Sander: Ich finde auch, dass die Kirche regelmäßig eine Kollekte für Betroffene machen sollte und dass diese Gelder als Schmerzensgelder an Betroffene ausgezahlt werden sollten. Denn ich glaube, dass es auch ein Bedürfnis gibt von Gläubigen in der Kirche, Betroffenen zu zeigen, dass sie ihnen nicht egal sind und dass sie gerne was für sie tun möchten. Aber ich glaube, dass es irgendjemanden braucht, der ein Werkzeug gibt, das man nutzen kann, um zu zeigen, wie man aus dieser Hilflosigkeit rauskommen kann.


Florin: Sie haben vorhin kurz die Bischöfe angesprochen. Nun haben einige Bischöfe "Fehler" eingestanden. Der frühere Erzbischof von Freiburg und frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hat vor einigen Monaten ein Video veröffentlicht. Darin hat er Betroffene um Verzeihung gebeten. Wir hören in dieses Video hinein:


Robert Zollitsch: "Ich habe mit meinem damaligen Verhalten und Handeln, Dokumentieren und Entscheiden gravierende Fehler gemacht und die Gefahr auch von erneutem Missbrauch verkannt. Das bereue ich von ganzem Herzen. Es tut mir aufrichtig leid. Immer im Wissen, dass dies all die Entscheidungen nicht rückgängig machen kann und dass dies an den schrecklichen Erfahrungen der Betroffenen und ihrer Familien, die ihr Leben lang darunter leiden, nichts ändert. Ich bitte Sie, die Sie sexualisierte Gewalt und jegliche Form von Missbrauch erfahren haben, um Verzeihung für das zusätzliche Leid, dass Ihnen mein Verhalten bereitet hat“.


"Joseph Ratzinger hätte Betroffenen viel Leid ersparen können"


Florin: Können Sie verzeihen?

Sander: Ich kann damit offen gestanden, nicht so viel anfangen, denn verzeihen kann ich, wenn es um etwas Konkretes geht. Diese Äußerungen sind ein schöner Anfang, aber die sind viel zu vage. Es gibt Betroffene, die wissen, dass in ihrem Fall nicht gehandelt wurde. Es gibt Betroffene, die in ihrem Dorf sozial geächtet wurden, weil niemand klar gesagt hat: „Wir haben in diesem Fall dafür gesorgt, dass Personen XY nicht geglaubt wurde“. Solange es nur so vage Entschuldigungen sind und man nicht konkret sagt: „Hier habe ich schuldhaft gehandelt, und hier hätte ich es anders machen müssen“ - solange wird so eine Aussage verpuffen.


Florin: Da fällt auch der Satz: "Das ist nicht wiedergutzumachen." Sie haben vorhin mit dem, was Sie gesagt haben, diesem Satz schon widersprochen. Sie sagen: Wiedergutmachen kann man es vielleicht nicht, aber man kann etwas tun. Warum fällt dieser Satz „Das ist nicht wiedergutzumachen“ so oft und auch nicht nur bei Bischöfen?

Sander: Ich glaube, weil dieser Satz die Lage sehr einfach macht für alle, die nicht betroffen sind. Wenn ich es nicht wiedergutmachen kann, dann tut es mir furchtbar leid. Dann kann ich nix tun. Dann geht das Leben weiter.

Ich kann da nur vehement widersprechen! Denn nur weil wir etwas nicht vollständig gut machen können, heißt es nicht, dass wir uns nicht dringend darum bemühen sollten, alles zu tun, was man irgendwie tun kann, um es wieder möglichst gut zu machen. Die Realität von Betroffenen ist, dass sie jeden Tag darum ringen müssen, es so gut wie möglich zu machen. Würden alle anderen nur ansatzweise versuchen, in dieses Ringen mit einzusteigen und kleinschrittig zu gucken, was wir denn tun könnten, dann könnte sich die Welt von Betroffenen ganz erheblich ändern.


Florin: Wir sitzen hier zusammen in Ihrer Küche, einen Tag, bevor morgen in Rom Joseph Ratzinger beerdigt wird, mit großen Ehren. Es sind viele Nachrufe erschienen, viel Lob, auch Lob dafür, dass er angeblich Missbrauch aufgearbeitet habe oder zumindest, sich um Aufarbeitung bemüht habe. Wie geht es Ihnen, wenn Sie das ganze Lob für einen ehemaligen Papst, für einen ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation hören?

Sander: Ich kann mit dem Lob für Menschen, die in hohen Ämtern waren, überhaupt nichts anfangen. Ich sehe das sehr basal, und ich sehe diesen Menschen. Ich glaube, dass er Handlungsoptionen hatte, die er nicht genutzt hat. Ich sehe Betroffene, denen er viel Leid hätte ersparen können, wenn er sich die Mühe gemacht hätte, genau zu gucken: Was war da los? Was habe ich getan? Und das genau aufzuklären.


"Vertuschung ist ein absolut verharmlosendes Wort. Ich kann es nicht in den Mund nehmen"


Florin: Was wäre eine Handlungsoption gewesen?

Sander: Er hätte sagen können: "Die Akten, die jetzt vorlegen und die Vorwürfe, die mir vorgetragen werden, möchte ich mir genau anschauen. Ich möchte zusammenkommen mit den Menschen, die davon betroffen sind." Denn am Ende geht es nicht darum, dass irgendwer irgendwie etwas beweist, sondern dass die Betroffenen eine Information haben, die in ihrer Biografie fehlt. Betroffene haben einen Anspruch darauf, Antworten zu bekommen. Dass man den Betroffenen diese Antworten verwehrt, das finde ich schlimm.

Ich weiß, was es bedeutet, einfach zu wissen, wie etwas war. Das macht es nicht besser oder schlechter, aber dann kann ich es verarbeiten. Wenn ich so ein Fragezeichen habe in meinem Leben und so eine Frage nicht aufgeklärt wird, dann kann ich es nicht verarbeiten. Den Betroffenen wird Verarbeitung verwehrt. Den Betroffenen hilft es überhaupt nicht, wenn in -zig Jahren Aktenschränke geöffnet werden und die Sache geklärt werden kann. Dann ist ihr Leben vorbei. Es geht auch nicht darum, ob das in den nächsten Jahren passiert. Für eine Person, die betroffen ist, zählt jeder Tag.

Auch ein verschobenes Gutachten: Da geht es im Leben anderer Leute um ein paar Monate, aber für Betroffene ist jeder Tag fatal, an dem sie nicht aufarbeiten können und ihr Leben nicht in eine andere Richtung drehen können.


Florin: Verschoben ist das Missbrauchs-Gutachten des Erzbistums Freiburg mutmaßlich deswegen, weil der frühere Erzbischof Zollitsch dagegen rechtliche Einwände erheben könnte. Die Veröffentlichung war schon für vergangenes Jahr angekündigt, sie soll nun in diesem Frühjahr stattfinden. Was hilft es Betroffenen, wenn Sie wissen, dass dieser und jener Verantwortliche vertuscht hat, einen Täter einfach in eine andere Gemeinde versetzt hat?

Sander: Man muss sehr differenzieren. Es gibt Betroffene, für die ist ultimativ wichtig, dass genau das gesagt wird, dass ganz präzise beschrieben wird, wer … Entschuldigung – ich kann das Wort Vertuschung nicht in den Mund nehmen. Vertuschung ist ein absolut verharmlosendes Wort. Ich finde, wir sollten nicht überemotionalisieren, aber wir sollten beschreiben, was passiert ist. Und geschehen ist, dass ein Missbrauchstäter, der als Missbrauchstäter bekannt war, an einen anderen Ort versetzt wurde und dort weiter Kinder missbrauchen konnte. Genauso müsste beschrieben werden: „Wir haben diese Informationen bekommen, und wir haben nicht darauf reagiert. Wir haben nicht dafür gesorgt, dass den Betroffenen geglaubt wurde. Wir gucken seit Jahrzehnten zu, wie Betroffene in ihrem Dorf geächtet werden, weil sie angeblich den Priester beschädigt haben. Und wir tun nichts, um das aufzuklären.“

Um so etwas aufzuklären, braucht man keine Gutachten, sondern man kann in das Dorf fahren und man kann sich mit den Leuten, die es betrifft, an einen Tisch setzen und sagen: Wir müssen reden. Diese Handlungsoption hat jeder, immer.


"Mein Glaube wurde systematisch zerstört"


Florin: Sie haben als „frommes Kind“ angefangen, jedenfalls waren sie kirchlich engagiert, waren Messdienerin. Haben Sie als Kind geglaubt?

Sander: Ja. Ich kann das auch an ganz kindlichen Bildern festmachen, die ich noch in meinem Kopf habe. Das sind jetzt gar nicht unbedingt katholische Bilder, sondern mein Opa hat mir gesagt, ich soll die Butter von unten aufs Brot schmieren. Dann sieht Gottes von oben nicht. Ich weiß noch, wie ich das gemacht habe.

Ich war auch im katholischen Sinne gläubig. Ich habe geglaubt, dass es einen Gott gibt. Ich habe auch geglaubt, wenn der Pfarrer sagt: Du hast jetzt eine Strafe verdient, dass ich eine Strafe verdient habe.


Florin: Was ist jetzt aus dem Glauben geworden?

Sander: Ich glaube nicht an einen Gott. Ich bin im Grunde auch niemand, der noch in die katholische Kirche gehört. Gleichzeitig ist es so, dass ich sehe, welche Bedeutung die katholische Kirche und Glauben für andere Menschen haben. Ich möchte mir nicht herausnehmen zu sagen: Die Kirche soll weg. Wenn ich zum Beispiel sehe, was Telefonseelsorge wegstemmt an Beratungs-Einheiten über Weihnachten, da bin ich die letzte Person, die sagen würde: Das darf nicht sein.

Aber mein Glaube wurde systematisch zerstört.

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