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Würde, Wasser und Waschlappen


Impuls zur Eröffnung der Ausstellung Königswürde-Menschenwürde in Königswinter

Am 3. September 2022


1. Ich will Wasser, sonst nichts

Vor vier Wochen war ich unterwegs mit der Regionalbahn nach Köln zu einem Konzert meines Saxofonlehrers. Es war sehr heiß, der Regionalexpress übervoll. Meistens trage ich in der Bahn Kopfhörer im Ohr mit Noise Cancelling. Sie filtern die Außengeräusche weg, man kann beim Lesen damit auch leise Musik hören. In diesem Fall habe ich ein Buch gelesen, um mich auf den Vortrag heute vorzubereiten. Geschrieben hat es der Politikwissenschaftler Stephan Lessenich. Es heißt „Grenzen der Demokratie. Teilhabe als Verteilungsproblem.“[1]


Weil es so heiß war und meine Wasserflasche schon auf der Zugfahrt leer wurde, bin ich am Kölner Hauptbahnhof in einen der Kioske gegangen, habe eine Flasche stilles Wasser aus Regel genommen und bin zur Kasse. Dort habe ich das Geld hingelegt. Ein Mann hat kassiert, ich war schon fast draußen, als ich merkte, dass er etwas gesagt hatte.

Erst da habe ich die Stöpsel aus den Ohren genommen und ihn gefragt, was er gesagt hat. Er wollte wissen, ob ich den Kassenbon brauche. Dann hat er mir einen schönen Tag gewünscht.

Und ich habe mich geschämt.






Was ich hier rhetorisch angestellt habe, nennt man lebensweltlichen Einstieg. Damit fangen oft Predigten und Radioandachten an. Ich mag diese erfunden klingenden Szenen nicht. Ich zähle dann die Minuten, bis die Andacht meistens verkrampft in die Kurve zu Jesus oder Abraham einbiegt. (Protestantische Predigttexte, so ist mir aufgefallen, nehmen die Kurve oft schon nach 90 Sekunden, katholische sind später dran.)


Hier soll es nun nicht um Jesus gehen, sondern um Würde. Mein lebensweltlicher Einstieg ist nicht erfunden. Wie verläuft nun die Wasser-Würde-Kurve? Was hat die Wasserflasche in der Hitze des Hauptbahnhofs mit Würde zu tun?


Demokratie ist – wie Stephan Lessenich schreibt - ein „Hochwertbegriff“[1]. Würde auch. Wer sagt dazu schon nein? Nur ideologische Geister sind gegen Demokratie und gegen Würde.

Demokratie ist so wichtig wie Wasser. Würde ist so wichtig wie Wasser. Lebenswichtig, darauf können sich, 80, 90 Prozent der Menschen in Deutschland verständigen.

Ein Maßstab für den Wert des Hochwertbegriffs ist die Antwort auf die Frage: Kennen Sie Art. 1 des Grundgesetzes auswendig?


„Die Würde des Menschen ist unantastbar“.


Den Satz kennen Sie alle.

Wer wie ich beim Radio arbeitet, lernt in der Sprecherziehung: Wichtige Sätze müssen bedeutungsvoll gesprochen werden. Das macht man, in dem man jedes Wort auskostet. Und indem man vor dem Satz eine Pause einbaut und danach.

Also nochmal: Die. Würde. Des. Menschen. Ist. Unantastbar.


Andachtsvolle Stille. Ergriffenheit. Ein Satz wie gemeißelt.

Nur für Artikel 1 und Art. 20 des Grundgesetzes gilt die Ewigkeitsklausel, das heißt, nicht einmal mit der verfassungsändernden Zwei-Drittel-Mehrheit kann dieser Grundgesetz-Artikel geändert werden. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Und bleibt unantastbar, kann man zumindest verfassungsrechtlich hinzufügen.


In Stein gemeißelt, ewig – zugleich sind sowohl Würde als auch Unantastbarkeit flüssige Gebilde. Kaum habe ich sie definiert, kaum habe ich sie begrifflich zu fassen bekommen, schon rinnen sie durch die Finger.


Eine Verfassung braucht man für etwas, was schwer zu fassen ist, hat der Schriftsteller Frank Witzel in einem Podcast über die Entstehung des Grundgesetzes, nun ja, gewitzelt.[2]


Wahrscheinlich denken Sie bei Würde zunächst an die großen, auch gesellschaftlich breit diskutierten Themen, gerade hier in einem Hospizverein: Was bedeutet Sterben in Würde? Die Frage prägt Ihren Alltag, Ihr Ehrenamt. Bald wird sich Bundestag wieder mit dem assistierten Suizid beschäftigen, auf Grundlage der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts.


Wahrscheinlich denken Sie an Menschen, die aus dem Mittelmeer gerettet werden – oder eben nicht gerettet werden. An Abwehr-Sätze wie: „Das Boot ist voll“. Das sagen Menschen hier auf dem Festland, während Geflüchtete in seeuntauglichen Booten auf ein besseres Leben in Europa hoffen. Manchmal bleibt es nicht bei Abwehr-Sätzen, sondern die Grenzen werden mit einem robusten Mandat, mit Waffen verteidigt. Deine Würde gegen meine Würde. Und meine europäische Würde ist dann doch mehr wert als deine afrikanische. Das meint der Satz: „Das Boot ist voll.“


Wahrscheinlich denken Sie gerade angesichts der Inflation auch intensiver als sonst: Leben in Würde, was bedeutet das konkret in einem so reichen Land wie Deutschland: Wie viel Heizung, wie viel warmes Wasser, wie viel Sonnenblumenöl, wie viele Mehl, wie viel Butter gehört dazu? Aber auch: Wie viel Buttercremetorte? Wie viel Urlaub? Wie viel Kunst?


In dem kleinen Buch über „Grenzen der Demokratie“ von Stephan Lessenich, das ich auf der Zugfahrt nach Köln gelesen habe, steht der schöne Satz: „Demokratie ist eine Lebensform“[3].


Demokratie ist nicht nur ein Verfassungstext, ein Grundgesetz, eine Staatsform. Demokratie hängt davon ab, wie viele mitmachen, wie viele teilhaben, wie viele teilhaben können – und wie viele ausgeschlossen sind, obwohl sie per Gesetz – Grundgesetz – eigentlich eingeschlossen sind.

Würde ist eine Lebensform. Kein Anlass ist zu banal, als dass er nicht Gelegenheit bieten könnte, jemanden zu würdigen oder zu entwürdigen.


Ich habe den Mann an der Kasse entwürdigt, indem ich die Stöpsel im Ohr behalten habe, als er mit mir sprach. Indem ich mit den Gedanken schon im Konzert, in der Hochkultur war, während er eine eher niedere Tätigkeit zu verrichten hatte. Meine Botschaft an ihn war: Ich muss gar nicht mit Ihnen ein paar Worte wechseln, nicht mal die übliche Höflichkeitskommunikation habe ich nötig, es bringt mir nichts. Ich brauche bloß das Wasser, sonst nichts.

Leider ist mir auch nicht eingefallen, dafür um Entschuldigung zu bitten.


2. Ich würde gern….

Einer der für mich wichtigsten Gedanken zum Thema Würde stammt aus einem sehr alten Text, aus der Zeit der Renaissance, aus dem späten 15. Jahrhundert, von Giovanni Pico della Mirandola. Pico, wie er abgekürzt genannt wird, wurde 1463 bei Modena geboren. Wie damals in Adelsfamilien üblich, wurde ein Sohn für den geistlichen Stand bestimmt. Pico sollte Priester und Kirchenrechtler werden. Das ging aber gründlich schief, weil er mit seinen Gedanken bei der Kirche aneckte und exkommuniziert wurde. Die öffentliche Disputation über seine Thesen wurde vom Papst verboten. Die Gedanken, die ich hier skizziere, stammen aus seinem berühmtesten Text, der Ungehaltene Rede über die Würde des Menschen von 1496.


Was er sagt: Würde bedeutet, sich als Menschen in vielen verschiedenen Möglichkeiten denken zu dürfen. Eine ebenso schlichte, wie anspruchsvolle Definition.


Pico hat sich von der Kirche nicht den Glauben an Gott austreiben lassen. Er geht davon aus, dass Gott den Menschen erschaffen hat nach seinem Ebenbild. Und dass dieser Gott den Menschen mit der Freiheit ausgestattet hat, zu sein, was er will.

Eine Stelle in dieser Rede passt sehr gut zu Ralf Knoblauchs Königinnen und Königen, die wir hier sehen und zur künstlerischen Arbeit, die damit verbunden ist.

Dieser Gott Picos sagt zu Adam:


„Die Natur der übrigen Geschöpfe ist fest bestimmt und wird innerhalb von uns vorgeschriebener Gesetze bestimmt. Du sollst dir deine ohne jede Einschränkung und Enge, nach deinem Ermessen, dem ich dich anvertraut habe, selber bestimmen. Ich habe dich in die Mitte der Welt gestellt, damit du dich von dort aus bequemer umsehen kannst, was es auf der Welt gibt. Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst. Du kannst zum Niedrigen, zum Tierischen entarten; du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.“[4]


Der Mensch als freier Bildhauer, als Schöpfer seiner selbst – das ist Würde.

Ich bin und ich würde gern sein – dieses Denken in Möglichkeitsform ist Würde.

Wenn ich mich anstrenge, mich bilde, Begabungen pflege - dann sollen meine Möglichkeiten nicht an meinem Geschlecht, meiner ethnischen Herkunft, meiner Religion oder Nicht-Religion, meiner sozialen Herkunft, meinem körperlichen Handicap .... scheitern. Das ist Würde.



Sie merken an dieser unvollständigen Aufzählung, wie unerhört das in einer ständisch geprägten Gesellschaft gewesen sein muss. Freier Wille – mit diesem Pathos von einem Adelsspross vorgetragen, das musste verboten werden im 15. Jahrhundert, erst recht von der katholischen Kirche.


Aber es ist auch heute noch unerhört, auch nachdem die Demokratie im Laufe der vergangenen Jahrhunderte Terrain erobert hat.

Sich in verschiedenen Möglichkeiten denken zu dürfen – wenn Sie mit dieser Definition von Würde einen Schnelldurchlauf durch die vergangenen Jahrhunderte machen, werden Sie die Sprengkraft dieser Forderung erkennen.

Politische System müssen sich auch daran messen lassen, wie stark sie dem einzelnen Menschen Möglichkeiten eröffnen oder beschneiden.

Im Feudalstaat hatten diejenigen, die zum untersten Stand gehörten, nicht die Möglichkeit sich anders als im untersten Stand zu denken.


Die Französische Revolution gilt gemeinhin als Geburtsstunde der modernen Demokratie und der Menschenrechte. Aber selbstverständlich galten die Menschenreche für eine Hälfte der Menschheit nicht - für die Frauen. Olympe de Gouches, die Feministin der ersten Stunde, hat gesagt: die Frau darf ein Schafott besteigen, aber keine Bühne. Sie selbst ist auf dem Schafott geendet.

Die Amerikanische Revolution brachte „das Streben nach Glück“ in die Verfassung. Aber das bedeutete selbstverständlich nicht, dass sich Sklaven in anderen Möglichkeiten denken durften, als Sklaven zu sein.


Die Geschichte des Siegeszugs von Demokratie und Menschenrechten ist nicht so glänzend, wie sie oft präsentiert wird. Denn immer wenn den einen, wie das Lessenich sagt, „Berechtigungsräume“[5] geöffnet werden, bleiben oder werden sie anderen verschlossen. Den Armen, den Sklaven, den Frauen zum Beispiel.


Auch heute noch ist die Picosche Definition von Würde unerhört.

Die Würde des Menschen ist unantastbar".

Wissen Sie auch, wie es weitergeht?

Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. (2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt."


Als 1948 unweit von hier im Museum König der Parlamentarische Rat zusammenkam, standen für Artikel 1 des Grundgesetzes verschiedene Fassungen zur Debatte.

Etwa:

„Die Würde menschlichen Lebens wird vom Staate geschützt.“

„Die Würde des menschlichen Wesens steht im Schutze der staatlichen Ordnung. Sie ist begründet in ewigen Rechten, die das deutsche Volk als Grundlage aller menschlichen Gemeinschaften anerkennt.“

Oder: „Die Würde des menschlichen Daseins steht im Schutze des Staates.

Es wurde dann: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ohne ewige Rechte, ohne Wesen, ohne Ordnung.

Und damit kam ein merk-würdiges Wort in die Verfassung: unantastbar. Noli me tangere. Rühr mich nicht an.

Ein tastendes Wort, zugleich ein umfassendes: Weder der Staat darf an die Würde rühren noch ein anderer Mensch.

Als dieser Satz aufgeschrieben wurde, war die NS-Diktatur gerade vorbei.

In der NS-Ideologie gab es kein Konzept von menschlicher Würde, sondern nur eines von menschlichem Wert. Vor allem eines von „unwertem Leben.“ Das ist einer der Gründe dafür, dass im Grundgesetz die Würde an erster Stelle steht.

Was damit gemeint ist, bleibt unklar, formbar.

Frauen waren 1949 nicht gleichberechtigt, Homosexuelle nicht, uneheliche Kinder nicht. Eine Bundeskanzlerin wäre laut Verfassung schon 1949 möglich gewesen, aber nur, wenn der Ehemann seine Erlaubnis zu dieser Berufstätigkeit per Unterschrift gegeben hätte. Ein Mädchen der 50er Jahre durfte sich nicht als Bundeskanzlerin denken, weil ein gutes Mädchen so etwas nicht dachte. Selbstverständlich war es besser für sie, sich nicht in solchen Möglichkeiten denken zu dürfen, sagten jene, die diese Möglichkeit hatten.

Nicht nur formale Nicht-Berechtigung kann entwürdigen, sondern auch Konvention, Gepflogenheit, Distinktion, das, was der französische Soziologe Pierre Bourdieu die feinen Unterschiede nennt. Der Stallgeruch, der Habitus. Das Besteck in der richtigen Reihenfolge benutzen zu können. Im Konzert an der richtigen Stelle zu klatschen. Wer zwischen den Sätzen klatscht, bekommt Blicke von oben herab.


Würde ist tatsächlich ein Konjunktiv. Man hat sie, weil man Mensch ist, aber besitzt sie nicht ein für alle Mal – trotz Ewigkeitsklausel.


3. Teilen und Haben

Weil ich sie nicht nur mit alten Texten behellige möchte, habe ich mithilfe meines Sohnes die Frage, was ist Würde in ein KI-Programm eingegeben. Das Programm spuckt einem dann die Antwort auf Englisch aus. Es schreibt Aufsätze – etwa für Hausaufgaben – in gewünschter Länge.


Was ist Würde? Die KI nennt vieles, was ich schon ausgeführt habe. Etwa: Jeder Mensch hat Würde, und sie ist etwas, das nicht weggenommen werden kann. Sie ist ein grundlegendes Menschenrecht.

Aber es der Roboter äußerte auch einige vielsagende neue Gedanken. In der Antwort steht:

„Bei der Würde geht es nicht darum, perfekt zu sein. Es geht um ein Gefühl des Selbstwerts und der Achtung vor sich selbst und anderen. Es geht darum, mit Fairness, Gleichheit und Respekt behandelt zu werden. Es geht darum, auch in schwierigen Zeiten den Kopf hochhalten zu können. Würde ist etwas, das wir alle verdient haben. Sie ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wenn wir uns würdevoll fühlen, haben wir ein gutes Gefühl für uns selbst und unseren Platz in der Welt. Wir fühlen uns selbstbewusst und kompetent. Wir haben das Gefühl, dazuzugehören.“


Gehöre ich dazu, oder höre ich: „Du bist dafür zu jung, zu alt, zu dick, zu dünn, zu arm, zu reich, zu krank, zu behindert?“ Das ist keine rein rechtliche Frage.

Dazuzugehören ist komplizierter. Moderne Demokratien, so schreibt Lessenich, sind ein großes Schließungsspiel, ein Spiel mit Ein- und Ausschlüssen, das nicht immer leicht zu durchschauen ist.

Dazuzugehören in einer von Medien geprägten Gesellschaft setzt zum Beispiel voraus: gehört zu werden, sich Gehör zu verschaffen, Aufmerksamkeit zu bekommen. Auch das ist heute Würde. Zu einer Zeit, als Hans-Joachim Kulenkampff „Einer wird gewinnen“ moderierte, war diese Erwartung noch nicht so ausgeprägt. Da war es weithin akzeptiert, dass einer die Showbühne bespielte und die anderen schweigend und applaudierend zuschauten. Aber jetzt ist mediale Teilhabe, der Zugang zur Bühne, ein Bestandteil von Würde. Der Zorn, den öffentlich-rechtliche Medien im Moment auf sich ziehen, hat auch damit zu tun, dass Menschen aus nicht-bildungsbürgerlichen Kreisen zwar bezahlen, aber sich in unseren Programmen oft nicht wiederfinden, mit ihrer Sprache, ihren Themen, ihren Hoffnungen und Ängsten. Sie fühlen sich nicht oder werden nicht gehört.


Jeder Staatsbürger darf wählen, jede Staatsbürgerin seit gut 100 Jahren auch. Aber Menschen, die den Eindruck haben, dass ihnen niemand zuhört, dass sie nichts bewirken, dass sie keine Resonanz finden, gehen oft nicht wählen. Die Wahlbeteiligung in prekären Stadtvierteln ist erschreckend niedrig. Wir aus der bildungsbürgerlichen Schicht stehen im Verdacht, Noise-Cancelling-Kopfhörer anzuziehen, wenn die von da unten sprechen, die wir vornehm „prekär“ nennen. Sie sind allenfalls Objekt der Sozialfürsorge, selten Subjekt. Auch da ist die Würde angetastet, durch den Blick von oben herab.

„Bei Würde geht es nicht darum, perfekt zu sein“, sagt die Künstliche Intelligenz. Auch das ist kein banaler Gedanke angesichts des Marktes des Selbstoptimierung. Wenn ich am Rhein joggen gehe, tragen fast alle, die mir begegnen einen Fitnesstracker am Arm. Der Mensch, dessen Würde angeblich unantastbar ist, ist nicht Bildhauer oder Bildhauerin seiner Selbst, auch der Besserverdienende, Körperbewusste nicht. Dieser Mensch modelliert sich nach bestimmten Vorlagen. Heerscharen von Life-Coaches und Du-schaffst-es-Schreiern umschwirren den Gutverdiener und nehmen ihm und ihr den Meißel aus der Hand. Wer eine solche Perfektion anstrebt, macht sich selbst zum Modellier- und Optimierobjekt.

Wir platzieren uns als Humanressource auf vielen verschiedenen Märkten: Arbeitsmarkt, Liebesmarkt, Gesundheitsmarkt. Wir platzieren unsere Kinder auf dem Bildungs- und Chancenmarkt, in der Hoffnung, dass sich gute Noten in Banknoten ummünzen lassen.


2019 habe ich eine Königin von Ralf Knoblauch bekommen, als ich mit dem Maria-Grönefeld-Preis ausgezeichnet wurde. Maria Grönefeld hat sich zum Beispiel in der katholischen Kirche dafür engagiert, dass auch Arbeiterkinder Bildungschancen bekommen. Ich stamme selbst aus einer Arbeiterfamilie, Hilfsarbeiter, genauer gesagt, war mein Vater. Ich frage mich oft, ob ich den Bildungsaufstieg unter heutigen Bedingungen auch geschafft hätte. Individuelle Anstrengung war damals wichtig, aber damals war auch der politische Wille da, dass Kinder aus „einfachen Verhältnissen“, wie es hieß, es an die Uni schaffen.

Wir können heute auf den verschiedenen Märkten gewinnen oder verlieren. Wenn wir verlieren, dann ist es unser Versagen.

Wer gewinnt, neigt dazu zu sagen: Das habe ich verdient. Wer eine einflussreiche Position hat, sagt gern: Das habe ich mir erarbeitet aus eigener Kraft. Wenn andere darauf hinweisen, dass sie aufgrund von sozialen Benachteiligungen niemals eine solche Position erreichen konnten, dass sie aber Gleichheit und Gleichberechtigung fordern, dann wird ihnen der Inhaber der gehobenen Position sagen: Moment mal. Das ist eine Extremforderung! Völlig überzogen! Jetzt seid aber mal nicht so ungehalten! Etwas Geduld, Liebe Frauen. Liebe Queere. Liebe Schwarze. Liebe Indigene. Seid nicht so empfindlich! Stellt euch nicht so an! Stellt euch hinten an! Dieses Muster können Sie in vielen Teilhabe-Debatten erkennen.


Wenn Würde heißt, dass ich mich in vielen verschiedenen Möglichkeiten denken darf, dann gehört dazu das demütige Eingeständnis, dass Möglichkeiten sehr ungleich verteilt sind. Dass Armut und Krankheit nicht eigene Schuld, und Wohlstand und Gesundheit nicht eigene Leistung sind.

Das ist jetzt keine Rede gegen einen gesundheitsbewussten Lebensstil und gegen Leistungsbereitschaft, wohl aber gegen die Verabsolutierung des Satzes: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das weibliche Pendant mit einer Schmiedin des Glücks gibt es ohnehin nicht. Aber unabhängig vom Geschlecht: Es ist ein demütigender, ein entwürdigender Satz.

Würde und neo-liberales Leistungsträger-Getöse passen nicht zusammen.


Der Philosoph Jean-Pierre Wils hat kürzlich ein Buch namens „Der Große Riss“ veröffentlicht. Darin kritisiert er, dass die Forderung nach Gleichheit und Gerechtigkeit mittlerweile als Sozialromantik gelten. Gerechtigkeit werde heute reduziert auf die Rede von Gewinnern und Verlierern: „Die Rede von Gewinnern und Verlierern suggeriert, dass die Beteiligten im Grund an einem Spiel teilnehmen, bei dessen Ablauf man lediglich dem Regelwerk zu folgen hat.“[6]

Solange für alle dieselben Regeln gelten, gelte das als gerecht. Aber mit dieser Fairness stimmt etwas nicht, weil die Ausgangsbedingungen je nach sozialer Herkunft, nach Ethnie, nach Hautfarbe, nach Geschlecht sehr verschieden sind.


Wir sehen gerade jetzt, wie viel dem Markt überlassen wurde im Namen eines schlanken, das Soziale allenfalls moderierenden Staates. Der Sozialetat ist zwar hoch, aber die sozialen Verhältnisse sind nicht gerecht. Und wir sehen gerade jetzt, da wirkt dieser Krieg wie eine Lupe: Der Markt stellt würdige Lebensverhältnisse für eine große Zahl von Menschen nicht her. Es nützt nichts, auf Länder zu verweisen, in denen es Menschen seit vielen Jahrzehnten deutlich schlechter geht. Sei dankbar, anderswo haben Menschen kein fließendes Wasser. Das ist beliebt in Predigten, aber lebensfern.

Würde ist etwas Absolutes, ja. Aber sie ist auch relativ zu den Lebensverhältnissen drumherum. Menschen vergleichen sich mit denen, die in ihrer Nähe sind. Wenn ich als Arbeiterin 500 Euro verdiene und der Vorstand 5000 im Monat dann ist das etwas Anderes als wenn ich 500 Euro verdiene und der Vorstand 50 000. Einmal ist es das 10 Fache, einmal das 100 Fache. Da nützt es nichts zu sagen: Für 500 Euro können Menschen in Burkina Faso jahrelang leben. 1 Prozent vom Chef – das ist entwürdigend.


Die Schlangen an den Tafeln werden länger, die Angst davor, dass die elementaren Dinge des Lebens – Wärme im Winter – fehlen werden, hat die Mittelschicht erreicht.

Man müsse nicht dauernd duschen, sagt der Baden-Württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Man kann sich auch mit einem Waschlappen frisch halten. Auch ein Waschlappen ist nicht unter unserer Würde. Erst recht dann nicht, wenn in der Ukraine Menschen angegriffen und getötet werden, weil sie in Würde und Freiheit und eben nicht in einer russisch-faschistischen Diktatur leben wollen.


Würde, dieses scheinbar ruhende, in Stein gemeißelte Begriff, ist nichts für den Schaukelstuhl. Nichts für ein Denkmal, das man ehrfurchtsvoll umkreist.

Das Wort, das ich gleich aufs Podest stelle, wird auf Festlichkeiten nicht so gern gehört, weil es aggressiv klingt. Königinnen machen das nicht, was ich gleich vorschlage. Aber ich halte ja auch keine Sonntags-, sondern eine Samstagsrede.

Würde ist ein permanenter Kampf. Ein Streit. Ein Ringen. Im Bahnhofskiosk, im Hospiz, im Bundestag. Kämpfen wir dafür.









[1] Stephan Lessenich: Grenzen der Demokratie. Teilhabe als Verteilungsproblem. Ditzingen 2019, S. 7. [2] Guter Rat. Ringen um das Grundgesetz. Teil 5: Die Würde des Menschen. Von Frank Witzel. https://www.hoerspielundfeature.de/protokolle-des-parlamentarischen-rates-1948-49-guter-rat-100.html. [3] Lessenich, S. 25. [4] Giovanni Pico della Mirandola: De hominis dignitate. Über die Würde des Menschen Übersetzt von Norbert Baumgarten. Herausgegeben und eingeleitet von August Buck. Lateinisch–deutsch HAMBURG 1990. S. 7. [5] Lessenicht, S. 21. [6] Jean-Pierre Wils: Der große Riss. Wie die Gesellschaft auseinanderdriftet und was wir dagegen tun müssen. S. 71

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