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Mainz wie es sinkt und lacht

 

Als Karl Lehmann am Pfingstmontag 2016 in Mainz verabschiedet wurde, war der Altar des Doms voller Männer: Kardinäle, Bischöfe, Priester, Ministranten, Chorknaben. Keine Ministrantinnen, keine Sängerinnen. Einmal stieg eine Frau die Stufen hinauf für die Lesung, ein zweites Mal, um die Fürbitten vorzutragen.

Ich verfolgte die Übertragung im Fernsehen, meine Tochter, damals 13, kam hinzu. Ich: Fällt dir was auf? Sie: Nö. Ich: Alles Männer. Sie: Das ist doch in der Kirche immer so. Sie warf einen klimabesorgten Blick auf die Weihrauchentwicklung und zog sich in ihre You-Tube-Welt zurück. Beauty-Videos – ihr Hochamt. Ihre Priesterinnen heißen Bibi oder Misses Bella. Hat sie Recht? Ist das immer so? Ist das Thema Frauenweihe nur ein Schulterzucken wert? Aus solchen Fragen, aufgestiegen im Mainzer Dom und in meinem Wohnzimmer, entstand mein Buch „Weiberaufstand“.

Statt Bischöfin Bibi oder Bella also Bischof Peter. Die Kollegen vom Hessischen Rundfunk konfrontieren ihn mit dem – Originalton der Interviewer – „nervigen Thema“ Frauenweihe. Dem jüngst verblichenen Amtsbruder Joachim Meisner trieb dieses Ansinnen die Zornesröte ins Gesicht, der neue Mann in Mainz bleibt nett blassrosa: Die Argumente seien ausgetauscht, es sei „nicht zielführend“, sich daran zu reiben, sagt er. Die Fernsehrunde „Engel fragt …“ reibt sich dennoch. Aus Blassrosa wird bischöfliches Pink: „Der Priester repräsentiert Jesus Christus, der ein Mann war“, erklärt Peter Kohlgraf. Das ist kein Austausch der Argumente, sondern eine Platzanweisung: Kirchenmänner bestimmen, wo Frauen sitzen dürfen – und wo nicht. Wer nein sagt, hat Macht. Oder wenigstens die Illusion von Macht. Neuer Bischof, altes Nein. Aber die Begründung dafür ist nicht so uralt und traditionsreich, so gottgewollt und ewig gültig, wie sie scheinen soll.

 

 

Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden Frauen aus einem ganz anderen Grund vom Amt ausgeschlossen: Sie galten als minderwertig, als missratene Kreaturen, bei feuchtem Südwind gezeugt, fabulierte der Kirchenlehrer Thomas von Aquin. Als diese Abwertung peinlich wurde, erfand das Lehramt andere, heute noch gültige Begründungen: Jesus war ein Mann; die Apostel waren Männer; die Kirche ist die Braut Christi; der Priester der Bräutigam; Frauen sind gleichwertig, aber nicht gleichartig. Artige Frauen verstehen, dass der Ausschluss vom Klerus keine Benachteiligung ist, sondern eine Würdigung weiblicher Wesensmerkmale. Unartige wollen Gleichmacherei, Vermännlichung oder – Gott bewahre – Genderismus. Wahre katholische Frauen fordern nicht, sie bitten.

Sollte sich hier noch nicht jeder Weiberaufstandswille in Weihrauch aufgelöst haben, hilft eine Salve taktischer Platzpatronen: Frauen am Altar – das spaltet die Weltkirche! Die evangelische Kirche hat Pfarrerinnen und die Kirchenbänke sind auch leer! Frolleinchen, es gibt wichtigere Themen, in Syrien sterben Kinder! Papst Johannes Paul II. hat das endgültig entschieden! Sitz! Schweig!

Wer Macht hat, braucht keine Argumente. Die katholische Kirche zeigt, dass sich auf wackligen gedanklichen Konstruktionen ein stabiles Herrschaftsgebäude errichten lässt. Peter Kohlgraf klingt nicht so, als wollte er daran rütteln.

Sie glauben, dass Gott eher Mann als Mensch wurde

Als sich die Bischofskonferenz zur Herbst-Vollversammlung traf, saßen mehr als 60 geweihte Männer um einen Tisch. Kein einziger, auch keiner von den Neuen in der Runde, brachte den einen Satz über die Lippen: Frauen sollten zu allen Ämtern und Diensten gleichberechtigt zugelassen sein. Einige glauben tatsächlich, dass Gott eher Mann als Mensch wurde. Den meisten ist der Frauenkram lästig. Viele befürchten, dass Priesterinnen Amt und Kirche verändern könnten. Weil sich so viel wandelt, soll wenigstens die Una Sancta dem Zeitgeist trotzen.

Vielleicht ermannt sich Peter Kohlgraf und sagt, dass es Frauen schon länger gibt als den Zeitgeist. Dann wird ein Saaldiener die Tür gegen Südwinde abdichten. Die nervigen weiblichen Wesen verschwinden dadurch noch lange nicht. Sie verschwinden nur aus der Kirche.

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