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Impuls zur theologischen Tagung: Nicht ausweichen!Würzburg, 9. Februar 2019

 

 

 

 

 

Hörbeispiel 1:

Joachim Frank, Chefkorrespondent der Dumont-Gruppe: „Herr Kardinal Marx, Sie haben sehr eindrücklich die persönliche Erschütterung geschildert und auch die persönliche Verantwortung. Kardinal Marx: 16 Jahre als Bischof. Welche personellen Konsequenzen ziehen denn die seit Jahrzehnten Verantwortlichen als Personalchefs, Generalvikare und in sonstiger Verwendung? In der Politik würde man sagen: Es ist eine Konsequenz erforderlich, personeller Art."

Marx: Ja, haben wir die Richtlinien eingeführt und ich gehe davon aus, ich kann das nicht beweisen. Ich gehe davon aus, dass die Richtlinien eingehalten werden. Die sind dann erweiterter worden. 2002 hatten wir zum ersten Mal die Richtlinien und da gehe ich davon aus, dass im Bistum Trier diese Richtlinien beachtet wurden in der Verwaltung. Ich habe jetzt keine Hinweise darauf, dass das nicht erfolgt ist ab 2002. Davor war ich nicht verantwortlich. Im Bistum München bin ich seit 2008, da hatten wir 2010 Diskussionen, die auch, wie Sie wissen, Personalwechsel hervorgerufen haben damals, sogar zwei. Wo wir gesagt haben, da muss jemand Verantwortung übernehmen für das, dass nicht so genau kontrolliert wurde. Es war keine Verfehlung im Sinne von Vertuschung. Aber sind die Vorgaben genau eingehalten worden? Ich müsste mich genau daran erinnern. Was meine Verantwortung angeht, müssen wir das anschauen. Das ist richtig …“

 

Hörbeispiel 2:

Christiane Florin, Deutschlandfunk: Eine Frage noch zur persönlichen Verantwortung. Hier sind jetzt über 60 Bischöfe versammelt, gibt es einen oder zwei, die im Zuge ihrer Beratungen gesagt hätten: Ich habe so viel persönliche Schuld auf mich geladen, ich kann eigentlich diese Verantwortung des Amtes nicht mehr tragen? 

Marx: Nein. 

 

 

Das waren zwei ähnliche Fragen bei der Pressekonferenz am 25. September 2018 in Fulda. Auf die eine gab es eine sehr lange Antwort, auf die andere eine sehr kurze. Bitte denken Sie sich  einen Blickwechsel zwischen Kardinal Marx und Bischof Ackermann hinzu. Vielleicht spüren Sie es jetzt noch beim Hören, ich habe es jedenfalls an jenem Nachmittag stark gespürt: dieses Knistern in der Stille. 

 

Dabei ist die Frage nicht ungewöhnlich. Joachim Frank hat den Bezug zur Politik hergestellt. Wenn es Missstände gibt, wenn Straftaten begangen wurden, noch dazu solche, die so klar belegt sind, fragen Journalistinnen und Journalisten diejenigen, die in der Hierarchie ganz oben stehen, nach persönlichen Konsequenzen. Nach Rücktritt. Das ist in der Politik so, das ist in der Wirtschaft so. Es hat zwar eine Weile gedauert, aber irgendwann ist auch Herr Winterkorn nach dem Dieselskandal vom Vorstandsvorsitz abgelöst worden. Eine nahe liegende Frage also. Aber, das war sowohl den Blicken der Kolleginnen und Kollegen als auch dem Blickwechsel der Bischöfe zu entnehmen: In der katholischen Kirche ist so etwas unüblich. In dieser Hinsicht gilt das Jesus-Wort: „Bei euch aber soll es nicht so sein“.    

 

Die Bischofsmütze als Hirschgeweih?  

 

Die Frage trug ich schon einige Wochen mit mir herum, genau genommen, seit die Ergebnisse der MHG-Studie vorab durchgesickert waren. Ich habe mich gefragt, ob die Suche nach konkreter Schuld und die Erwartung, dass Namen genannt werden und jemand Verantwortung übernimmt, einem berufsbedingten Jagdinstinkt geschuldet ist. Ein Rücktritt als journalistische Trophäe, die Bischofsmütze wie ein Hirschgeweih an der Wand: "Den habe ich erlegt." Ist das so?

 

Meine Antwort ist wie die des Kardinals: Nein.  

 

Erika Kerstner von der Initiative Gewaltüberlebender Christinnen hat in einem Interview die Resignation von Überlebenden beschrieben, die keine irdische Gerechtigkeit mehr erwarten. Aber sie sagt auch, dass Vertuschung ein Verbrechens ist und dass es für Betroffene wichtig ist, zu erfahren, wer dieses Verbrechen begangen und zu verantworten hat.

 

Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine...

 

Dass ich nach Schuld gefragt habe, war auch einem theologischen Impuls geschuldet, einem katholischen vermutlich. Zu Beginn jeder Messe, soll die Gemeinde ihre Sünden bekennen. Gewissenserforschung und Schuldbekenntnis sind ein wesentlicher Teil der katholischen Glaubenspraxis, so wesentlich, dass sie zur Liturgie dazugehören und nicht nur Privatsache sind. Das Grundrauschen des Katholizismus war lange ein dauergemurmeltes „Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld“. Die Generation meiner Großeltern und Eltern ist damit aufgewachsen. Wobei das höchste Schuldaufladungspotenzial im Unterleib verortet wurde, im sechsten Gebot.

 

Katholisch ist es nicht, erst dann Schuld einzugestehen, wenn der Druck unerträglich oder die Beweislast erdrückend geworden ist.  

 

Bischöfe fühlen sich oft von uns Journalistinnen und Journalisten unfair behandelt. Kürzlich stand auf dem Portal katholisch.de zu lesen, dass die säkularen Medien viel zu hart urteilen. „Gebt den Bischöfen eine Chance!“, war ein Kommentar überschrieben. Aber eigentlich war die Pressekonferenz schonend und die Berichterstattung danach freundlich angesichts der Ergebnisse und angesichts der Verantwortungsvermeidung von Verantwortungsträgern.

 

Erst Bekenntnisse, dann Business as usual

 

Was sagt das Marxsche Nein? Für mich war es in Moment der Wahrhaftigkeit inmitten einer Inszenierung. Wahrhaftig in dreifacher Hinsicht:

 

1. Nein heißt: Die versammelte Geistlichkeit hatte diese Frage bis dato nicht an sich herangelassen. Es wirkte schon unfreiwillig komisch, dass Rudolf Voderholzer knapp eine Woche vor der Vollversammlung über die KNA verlauten ließ: „Es ist ein Unding, wenn die Studie der 'Zeit’ und dem ’Spiegel’ vorliegt, die Auftraggeber sie aber noch nicht in den Händen halten.“ 

Der Informationsmangel hätte sich mit etwas mehr Interesse am Thema sicherlich ändern lassen. Um sich von der Einzelfall-Theorie zu verabschieden, hätte es der Studie ohnehin nicht bedurft, eine wache Wahrnehmung der klerikalen Welt hätte schon genügt.Es mag sein, dass der eine oder andere Bischof in jenen Septembertagen in sich gegangen ist. Aber in größerer Runde schien ein Rücktrittsangebot kein Thema gewesen zu sein. Sonst wäre die Überraschung – um nicht zu sagen – der Schrecken angesichts der Wortkombination "Schuld" und "Amt" nicht so groß gewesen. Die Gesichter der Gefragten sahen so aus, als sei gerade erst ein dunkles Familiengeheimnis auf den Tisch gekommen.

 

Anscheinend war die Erwartung der Bischöfe an diese Vollversammlung: einige Stunden Studienstudium, eine Pressekonferenz, bei der der Vorsitzende und der Fachbischof Bekenntnisse der Scham und Erschütterung ablegen  – und dann weiter in der Tagesordnung.

 

Das kann von Gottvertrauen zeugen oder von Realitätsverlust. Kirche, Kinder, Sex – eigentlich hätte klar sein müssen, dass sich die Zahlen und Zusammenhänge nicht routiniert wegmoderieren lassen. Um es neutral zu sagen: Das Nein offenbart Defizite im Projektmanagement.

 

Demutsgiganten unter sich

 

2. Das Nein führte ganz zum Schluss die Überwältigungsästhetik der Pressekonferenz ad absurdum. Oben auf der Bühne saßen Wissenschaftler und Bischöfe imposant aufgereiht. Eine Leinwand war gespannt, unten im Saal nahm die Journaille die Bekundungen entgegen. Obwohl die Ergebnisse zu diesem Zeitpunkt schon bekannt und öffentlich diskutiert worden waren, wurde noch DBK-Deutungshoheit inszeniert bei gleichzeitigen Beteuerungen, Macht abzugeben und demütig sein zu wollen.

Ich weiß nicht, was ich in meiner Naivität erwartet hatte, welches andere Setting, welche optische Unterbrechung, aber jedenfalls nicht das. Eine Kirche, die das theatrum sacrum beherrscht, ist auf unheilige Realität nicht vorbereitet. Die Pressekonferenz sah wie ein Hochamt des Demutsgigantismus aus.

 

Gepanzert gegen Mitgefühl

 

3. Damit bin ich beim dritten, wichtigsten Moment der Wahrhaftigkeit. Am Tag zuvor hatte der DBK-Vorsitzende die Vollversammlung mit der Ankündigung eines "Wendepunktes" eröffnet.  Er sagte allerdings nicht, wer sich um wie viel Grad wenden soll. Einen Tag später: ein Nein als letztes Wort. Viele Betroffene haben es als neuerliches Abwenden empfunden. Die Empathielosigkeit, die ihnen diese Institution bis dahin entgegengebracht hat, verdichtete sich in diesen gepanzerten vier Buchstaben.

 

Wir reden hier nicht über ein Bischofspalais mit Regenwalddusche und berührungsempfindlichen Lichtschaltern, wir reden nicht über verzockte Millionen. Wir reden über Sex mit Kindern und  Jugendliche, über Gewalt, Zwang, Macht- und Vertrauensmissbrauch, über Straftaten, die nicht bestraft worden sind. Über Verletzungen und Leid.  

 

An der langen Antwort auf die Frage von Joachim Frank haben Sie es gemerkt: "Wendepunkt" heißt: sich winden und wenden.

 

Das Design der MHG-Studie war so angelegt, dass Verantwortlichkeiten unerforscht blieben. In einem Interview, das ich 2011 für die ZEIT mit Christian Pfeiffer geführt habe, sagter der Kriminologe auf meine Frage: „Wer damals an verantwortlicher Stelle Täter geschützt und danach Karriere gemacht hat, bleibt also geheim?“ „So ist es. Wir sind Forscher, wir sind kein Gericht. Wir stellen niemanden bloß und verurteilen niemanden.“

 

No-Blaming-Strategie

 

So ist es in der Nachfolgestudie geblieben. Nicht einmal einzelne Bistümer sind identifizierbar. Mitte Januar wurde der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Pater Hans Langendörfer, in der Karl-Rahner-Akademie in Köln vom Moderator Norbert Bauer gefragt, warum denn nicht wenigstens die Bistümer genannt würden, die gut und die schlecht kooperiert hätten. Statt einer Antwort gab es eine Rückfrage: Ob man öffentlich Bistümer bloßstellen solle? Ja, riefen einige im Publikum. Namen gab es auch an diesem Abend nicht. No-Blaming-Strategie nennt man so etwas in der Streitschlichtung in der Schule.  

 

Eine Bischofskonferenz ist keine Unterstufenklasse. Hier versammelt sich die Kirche von oben. Wer ein Amt trägt, trägt eine repräsentative und eine persönliche Verantwortung.  Die lässt sich nicht nach unten delegieren. Und: Wer „Ich“ sagt, verstößt nicht gegen den Datenschutz.

 

Verantwortung wurde in der MHG-Studie unsichtbar gemacht. So weit, so auftragsgemäß. Aber sie verschwand auch in den Reden danach. Die Freiburger Theologin Rita Werden hat für das Buch „Unheilige Theologie“ einige bischöfliche Stellungnahmen gründlich analysiert: Worte von Rudolf Voderholzer, Reinhard Marx und Stefan Burger. Sie hat danach gefragt: Sind es Bekenntnisse der Scham oder solche der Schuld?

 

Grob gesagt: Wer sich schämt, sieht sich durch die Brille der anderen und fragt: Was denkt der jetzt von mir, wenn er das sieht. Schmeißt der mich aus der Gruppe? Scham ist also gemeinschaftsbezogen.  Schuld dagegen verlangt nach einer individuellen Auseinandersetzung, einer Bewertung der eigenen Tat, einer Gewissensprüfung.Schuld fordert das ganze Ich. 

 

Ich als Weihnachtsgeschenk

 

„Der Schutz des öffentlichen Ansehens wurde über das Wohl der Kinder und Jugendlichen gestellt“. Ein Satz des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer. Ein Satz, den auch viele andere gesagt haben. Rita Werden bemerkt spitz: Hier fehlt das handelnde Subjekt. Wer konkret das öffentliche Ansehen über das Wohl der Kinder gestellt hat, bleibt ungenannt. Was ein Bischofs, ein Generalvikar, ein Personalverantwortlicher, ein Priesterrat tun konnten und getan haben, wer ganz praktisch mit der Versetzung von Tätern befasst war, wer Betroffene ignoriert hat, – korrigieren Sie mich bitte, aber hat das seit September ein Bischof von sich aus offengelegt? Allenfalls wenn er mit Rechercherergebnissen konfrontiert wurde.

 

Rita Werden bilanziert: An Schambekenntnissen mangelte es nicht, an Schuldeingeständnissen schon. Sie schreibt: „Die Rede von Scham erscheint als Immunisierungsstrategie gegen die Frage nach der persönlichen Schuld.“ Anders gesagt: Wer über Scham spricht, kann über Schuld schweigen.

 

Vielleicht gehen Sie Erklärungen daraufhin durch, wo Passivkonstruktionen verwenden werden, wo es einfach nur „Die Kirche“ heißt, wo ein vereinnahmendes Wir steht, obwohl ein Ich angebracht wäre. „Von mir unterschrieben“ hat der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode im Weihnachtsgottesdienst gesagt. Er sprach über die Entscheidung, einen Priester, der sich "schwerer sexueller Vergehen schuldig gemacht" zum Leiter einer Pfarrei machen. Da war es einmal da, das Ich. Als Weihnachtsgeschenk.   

 

Urlaub vom Ich

 

Die Theologie bietet wunderbare Urlaube vom Ich an: Sie bahnt Fluchtwege zu den  feinsandigen, sauberen Stränden eines Kirchenparadieses, sie hat auch Ausflüge in die Passion im Pauschalangebot. Verbrechen werden zu Verfehlungen, Metaphern von Reinheit und Schmutz, Wunde und Heilung liegen stets griffbereit. Benedikt XVI. schrieb 2010 an die Katholiken Irlands: „Mit diesem Brief möchte ich Euch alle, das Volk Gottes in Irland, ermahnen, die Wunden am Leib Christi zu betrachten. Denkt aber auch an die manchmal schmerzhaften Heilmittel, die erforderlich sind, um diese Wunden zu versorgen und zu heilen, und ebenfalls an die notwendige Einheit, Liebe und gegenseitige Unterstützung in einem langwierigen Prozess der Wiederherstellung und kirchlichen Erneuerung.“ Und speziell an die Opfer: "Ich weiß, dass es einigen von Euch schwer fällt, eine Kirche zu betreten, nach all dem, was geschehen ist. Aber Christi eigene Wunden, verwandelt durch sein erlösendes Leiden, sind der Weg, durch den die Macht des Bösen gebrochen wird und wir zu Leben und Hoffnung wiedergeboren werden.“

 

Wollen Betroffene das wirklich: auf Christi Wunden schauen? Kommt es darauf an, dass sie wieder eine Kirche betreten? Werden sie ernst genommen mit diesen blumigen Worten? 

 

Hierarchie frisst Autonomie

 

Urlaub vom Ich verspricht auch die Hierarchie. Wer es in dieser Institution weit bringt, kann es sich leicht abgewöhnen, individuell um moralische Maßstäbe zu ringen. Die Institution gibt sie vor, das entlastet. Sich zu sich selbst zu verhalten ist, das eigene Tun zu reflektieren, ist schwierig, wenn sich das Amt vor die Person schiebt. Wie viel Empathie erlaubt die Hierarchie? Wie viel Autonomie haben Hierarchen? Nach institutioneller Logik ist der Betroffene eines Missbrauchs derjenige, der den Betrieb stört und nicht der, auf den gehört werden soll. Das geht soweit, dass manche Bischöfe die Kirche und sich selbst zum Opfer erklären. Der frühere Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Robert Zollitsch versicherte in einer Videobotschaft, er leide auch. Lieber die Leideform, das Passiv, als das aktivische: Ich habe getan, ich habe unterlassen. 

 

Was Benedikt in seinem Brief an die Katholiken Irlands die "Macht des Bösen" genannt hat, heißt heute Klerikalismus. Es ist wichtig, über das Systemische zu sprechen. Aber wie freudig Kleriker nun auf den Klerikalismus einprügeln, stimmt mich misstrauisch. Das Ich verschwindet hinter einem -Ismus. Ich war’s nicht. Es war der Zölibat. Der Männerbund. Das Amt. Die DNA der Kirche. Zu sagen: Die Gene sind schuld, wenn Verbrechen geschehen und vertuscht werden – damit wird Verantwortung mikroskopisch klein.

 

Du! Du! Du!

 

Auffallend ist in kirchlichen Auseinandersetzungen: Wer nach dem Ich fragt, bekommt ein Du zurück. Kritiken an meiner Frage vom 25. September 2018 fielen durchweg persönlich aus: „Haben Sie etwas gegen Kardinal Marx?“. „Haben Sie selbst Missbrauchserfahrung?“ "Wer hat sie nur so verletzt, dass sie sich an der Kirche abarbeiten müssen?“

Meine Antworten: Nein. Nein. Keiner. Solche verbalen Returns auf den Mann oder die Frau  sind einer der Gründe dafür, dass die Streitkultur in der katholischen Kirche so erbärmlich ist: Wahrheit und Gerechtigkeit, Wirklichkeit und Verantwortung sind relevant. Man kann danach suchen ganz ohne Rachegelüste. Als Journalistin muss man es sogar.

 

Das Persönliche hat System. Innerkirchliche Kombattantinnen und -tanten kämpfen gern mit biologischen und biografischen Fehlschlüssen, oft mit denunziatorischem Charakter. Wenn Sie zum Beispiel die Fußnoten in einschlägig lehramtstreuen  Büchern zum Thema Gender lesen, werden sie laufend  Hinweise finden von der Sorte: Die Autorin ist selbst lesbisch, der Autor ist homosexuell, das Paar hat Kinder aus künstlicher Befruchtung. Wer Homosexuelle nicht mehr diskriminieren will, muss nach dieser Logik selbst selbst schwul sein. Wer die katholische Ehemoral kritisiert, kann nur kurz vor der Scheidung stehen. Wer den Zölibat für entbehrlich hält, hat ein Verhältnis mit der Pastoralreferentin oder dem Pastoralreferenten. Wer hartnäckig recherchiert, muss irgendeine persönliche Obsession haben, ist rachsüchtig, geld- und aufmerksamkeitsgeil. Eine Diskussion über Sexualmoral ist kaum möglich, ohne dass über das Triebleben der Diskutierenden spekuliert wird. Auch dieser Du-Du-Du-Reflex erklärt, warum man nur in Schutzkleidung über Sexualität, Homosexualität und Frauenbild  öffentlich reden sollte.  

 

Wendepunkt?

 

Ein halbes Jahr nach der Vollversammlung von Fulda ist einem Interview mit dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf in Christ&Welt zu entnehmen, dass ein Gewissenserforschungsprozess in der DBK eingesetzt hat.  Und ein Zerfallsprozess. 

 

Ein halbes Jahr nach der Vollversammlung kämpfen Betroffene immer noch darum, gehört zu werden. Sie bekommen automatische Antworten aus den Bistumsverwaltungen oder werden von einem Nicht-Zuständigen zum anderen verwiesen. Die Initiative Missbits aus dem Bistum Trier schrieb Ende Januar in einem offenen Brief an Bischof Ackermann: „Wiederholt und auf verschiedenen Wegen (mit brieflicher Anfrage oder per Mail) haben mehrere Mitglieder unserer Organisation MissBiT in den vergangenen Monaten und Wochen versucht, Einsicht in die Aktenlage der Fälle zu erhalten, von denen sie selbst betroffen sind. Bisher wurden sie vertröstet, immer mit der Begründung, man befinde sich noch im Prüfungsprozess.“

 

Ein halbes Jahr nach der Vollversammlung ist die MHG-Studie in die Debattenroutine eingespeist worden. Die Liberalen fordern, was sie immer schon forderten: Freistellung des Zölibats, Frauenweihe, mehr Beteiligung von Laien. Die Konservativen wissen, was sie immer schon wussten: Die Schwulen sind schuld und wenn sich alle ans Lehramt gehalten hätte, gäbe es kein Problem. Einige Bischöfe schleifen Bastionen, einige ziehen die Burgmauern noch höher. Viele bleiben stumm.   

 

Auch lockere Typen sind autoritär

 

Die Polarisierung hat sich verschärft, eigentlich gibt es das viel beschworene Schisma schon. Diese Spaltung ist umso unverständlicher, als sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in beiden Kleriker-Milieus vorkommt: bei den autoritären mit Priesterkragen und bei den Geistlichen in Jeans. Manche verlieren gerade das liberale Idol ihrer Jugend und merken, dass auch lockere Typen Autorität missbrauchen können. 

 

Ich zähle mich zum liberalen Flügel, halte Reformen für richtig, ganz unabhängig vom Thema Missbrauch. Aber an den meisten Betroffenen geht die Reformdebatte vorbei, vielen von ihnen ist die Kirche entweder gleichgültig oder verhasst. Warum sollen sie warten, bis der Zölibat gelockert und Frauen geweiht werden? Die Betroffeneninitiative Eckiger Tisch zum Beispiel hat zwei konkrete Forderungen: angemessene Entschädigungszahlungen und eine klare Auskunft über Verantwortliche. Eine Reformdebatte macht noch keine Aufklärung.  

 

Der öffentliche Druck auf die Kirchenleitung hat stark nachgelassen. Er war 2018 schon geringer als 2010. Das hat mit der Skandalisierbarkeit dieser Institution zu tun. Es fehlt der katholischen Kirche mittlerweile die moralische Fallhöhe, aus der sie in die Tiefe stürzen kann. "Die sind halt so", sagen viele, auch in der Kirche. "Aber unser Pfarrer ist nicht so", halten viele dagegen. Die Polarisierung, die in der Bischofskonferenz zu beobachten ist, spaltet auch die Basis.  

 

Ein zynischer Tipp: Bleibt sitzen! 

 

Wäre ich eine zynische Medienberaterin, würde ich sagen: Weiter so, liebe Bischöfe, ihr könnt sitzen bleiben, euch reißt keiner den Stuhl weg. Die katholische Kirche ist schon eine solche Parallelgesellschaft, dass sie nicht mehr unter allgemeiner Beobachtung steht. Auch der Staat macht wenig Druck, von dieser Seite ist nichts zu befürchten. Die katholische Kirche besteht nicht allein aus Bischöfen, aber sie kann auch weitermachen, wenn sie nur noch aus Bischöfen besteht. Sie braucht kein Kirchenvolk.

 

Wäre das hier eine Morgenandacht, dann müsste jetzt die hoffnungsfrohe Wendung kommen. Die habe ich nicht zu bieten. Aber denken Sie sich bitte etwas pastoralen Sound dazu: 

 

Ist es vorstellbar, dass einer oder zwei von über 60 Versammelten demnächst offen legen, was sie getan und unterlassen haben in Sachen Missbrauch? Und was sie zu tun gedenken, um Betrofffenen ganz praktisch zu helfen, ohne die Verwendung der Worte Anlaufstelle und Hotline?

 

Ist vorstellbar, dass in dieser absolutistischen Institution Macht auf Zeit vergeben wird, dass diese Macht an eine Legitimation von unten gekoppelt ist, dass sie kontrolliert wird und nicht Kontrolleure und Kontrollierte dieselben sind?

 

Ist es vorstellbar, dass einer sagt: Wir reden hier über Homosexuelle und ich bin homosexuell?

 

Ich frage jetzt hier nicht: Wer tritt zurück? Sondern: Wer fängt an?

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