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Die Nackten, die Akten und die Fakten

April 13, 2019

Kommentar im Deutschlandfunk, Tag für Tag vom 12. April 2019, 9.35 bis 10 Uhr 

(Zum Hören)

 

Der Text ist kleinlich, peinlich – und gefährlich. In der Autorenzeile steht ein großer Name: Benedikt XVI. Moment mal, ist der nicht zurückgetreten? Wollte er nicht beten und schweigen?

Das hatte er versprochen. Aber er meldet sich häufig aus seinem römischen Kloster schweigend zu Wort. Franziskus-Verächter warten auf diese Lebenszeichen, denn in ihren Augen amtiert ihr Papa noch immer; da ist er nicht der Emeritus, sondern der Ewige.

 
Jammerton-Sing-Sang
 

Dieser Benedikt XVI. jedenfalls hat sich Gedanken zur sexuellen Gewalt in der katholischen Kirche gemacht. Die deutsche Fassung seines Schreibens ist – mit ausdrücklicher Genehmigung von Franziskus – im bayerischen „Klerusblatt“ erschienen. Nicht im Satireblatt „Titanic“, auch wenn viele Passagen wie eine Parodie auf den lange im Vatikan tonangebenden Jammerton-Sing-Sang klingen. Es ist ein Klagelied für die wahren Opfer des Missbrauchs. Das sind: Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. und die Heilige Katholische Kirche, die Benedikt-Joseph so liebt.

 

 Der Text ist nicht ganz kurz, dennoch war kein Platz, um einige Worte darüber zu verlieren, welche Wunden Kleriker geschlagen haben, was sie Kindern, Jugendlichen und Ordensfrauen angetan haben. Stattdessen legt der Autor die Finger in die Wunden, die ihm die Welt da draußen zugefügt haben soll. Der nicht mehr ganz so junge Joseph wurde 1970 ausgerechnet am Karfreitag des allgemeinen Moralverfalls ansichtig: Zwei Nackte in enger Umarmung sah er! Über die Traumata des Professors Ratzinger schreibt er, Zitat: „Vielleicht ist es erwähnenswert, dass in nicht wenigen Seminaren Studenten, die beim Lesen meiner Bücher ertappt wurden, als nicht geeignet zum Priestertum angesehen wurden.“

 
„Ich aber sage euch“
 

Ach, wenn doch alle auf mich gehört hätten! So tönt der bescheidene Arbeiter im Weinberg des Herrn. Wenn alle auf ihn gehört hätten, dann gäbe es keine sexuelle Revolution von 1968, keine Schwulen in der Kirche, keine liberalen Moraltheologen ohne Moral, keinen Missbrauch. Wenn alle auf ihn gehört hätten, dann wäre die Kirche so blütenweiß wie das Gewand, das Benedikt auch nach seinem Rücktritt nicht ablegte.

Der Papa emeritus vollbringt das Wunder, sein Schweigegelöbnis schreibend einzuhalten: Er schweigt dazu, was er selbst getan und unterlassen hat, als Joseph Ratzinger, als Erzbischof von München und Freising, als Präfekt der Glaubenskongregation, als Papst. Dieses „Ich“ ist in seinem „Ich-aber-sage-euch“-Duktus nicht vorgesehen.

 
Rote Pantöffelchen vs. Turnschuhe

 

Leibhaftige Menschen hat der Professor traditionell gern links liegen lassen, hier aber missachtet der Gelehrte auch jede Wissenschaft: Ob Theologie, Psychologie, Kriminologie – er weiß ohnehin alles besser. Der Mann, den seine Fans als Denker feiern, ignoriert offensiv, was Missbrauchsstudien zeigen: Ja, es gibt Täter in Jeans und Sneakers, die nach der Party Messdiener in ihr Bett zogen, aber es gibt auch die mit festgewachsenem römischen Priesterkragen, Katechismus unterm Arm und bohrenden Unterleibsfragen im Beichtstuhl. Die Schuld schiebt Benedikt den vermeintlich Liberalen in die Turnschuhe. Die Rote-Pantöffelchen-Fraktion steht glänzend da.

 
Ein Wort der Macht

 

Ach, lass ihn doch reden, den alten Mann, der wird bald 92, wer weiß, ob er den Schrieb überhaupt selbst verzapft hat, winken milde gewordene Ratzinger-Kritiker auf Facebook ab. Doch mit diesem Text wird Kirchenpolitik gemacht. Es ist ein Machtwort, vorgetragen im Ohnmacht-Modus, gut platziert in einem Deutungskampf, in dem die Opfer sexualisierter Gewalt nicht interessieren.

Als Präfekt der Glaubenskongregation hat Joseph Ratzinger 2001 die Zuständigkeit für das Thema Missbrauch an sich gezogen. Er hätte einiges zu erzählen, wenn er denn wollte. Aber er scheint sich ziemlich sicher zu sein, dass kein weltliches Gericht ihn zur Rechenschaft zieht. Hier schreibt nicht der Arbeiter im Weinberg, hier gebietet einer, der sich für den Herrn selbst hält.

 

Der gesamte Text des früheren Papstes ist hier nachzulesen. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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