© 2017 by Christiane Florin

November 12, 2019

September 29, 2019

July 8, 2019

June 24, 2019

June 17, 2019

Please reload

Aktuelle Einträge

Der Anfang vom Aufstand

June 6, 2017

1/1
Please reload

Empfohlene Einträge

Wenn bei Traunstein die rote Sonne ...- Mit Joseph Ratzinger im Kino

May 16, 2019

Was dem Franziskus sein Wenders ist dem Benedikt sein Röhl. So könnte es im Wem-Sein-Genitiv-Deutsch aussehen, doch so ist es nicht. Vorgestern hatte "Verteidiger des Glaubens" von Christoph Röhl in München Premiere. Doch der britische Regisseur hat, anders als Wim Wenders, keine Hommage an einen Papst gedreht. Er hat kein langes, selbsterklärendes Interview mit seinem Protagonisten geführt. Der Mann, der sich noch immer Benedikt XVI. nennt, bricht zwar regelmäßig sein Schweigegelübde, aber für diesen Film wollte er es einhalten. 

 

Viele andere sprechen vor der Kamera über ihn: Vertraute und ehemals Vertraute, in Ungnade Gefallene und Günstlinge, Missbrauchsbetroffene und Missbrauchsbetroffenenabwehrer. Sie blicken aus verschiedenen Perspektiven auf Joseph Ratzinger, fixieren jedoch alle einen Punkt: die Spitze des klerikalen Systems.  Scharf gestellt wird auf den Kirchenherrscher, auf den Monarchen von Gottes Gnaden.

Bei dieser Beschreibung dürften viele Benedikt-Verehrer in den aggressiven Defensivmodus wechseln: Dieser Feingeist, dieser bescheidene Mensch, dieser einfache Arbeiter im Weinberg des Herrn war ein Diener, kein Herrscher! Lügenkino! 

 

 

 

Christoph Röhl greift den "Verteidiger des Glaubens" nicht an. Er lässt ihn anklagen: analytisch, kühl, klug. Der Hauptvorwurf lautet: Machtmissbrauch. Selbst diejenigen, die wie Georg Gänswein apologetisch disponiert sind, werden Teil der Anklage.  Nichts Neues zeige der Film, behauptete das Portal katholisch.de. Eine Irrlehre: Dieser fokussierte, ruhige, genaue Blick auf die Amtsperson Ratzinger ist sehr neu. Hier hat einer seine eigene Vorstellung von absoluter Wahrheit zum Maßstab der Weltkirche gemacht. Wurde das schon einmal so deutlich gesagt? Im doch recht raumgreifenden Mir-wurde-die-Gnade-eines-Interviews-mit-dem-Heiligen-Vater-zuteil-Marktsegment jedenfalls nicht.   

 

Das Leben ist die Kirche, die Kirche das Leben

 

„Verteidiger des Glaubens“ ist kein Biopic, kein bayerisch-römisches Dokudrama, in dem Mario Adorf und Heino Ferch die Teestunde im Apostolischen Palast nachspielen. Kein früherer Studienkollege erzählt als Zeitzeuge von weinseligen Abenden mit Joseph im Zigarrendunst. Wenn im Film Alkohol fließt, ist es Messwein; wenn Qualm aufsteigt, dann aus dem Weihrauchfass. Für den "Verteidiger des Glaubens" ist die Kirche das Leben und das Leben die Kirche. 

 

Christoph Röhl hat einen sensationellen Sonnenaufgang über Traunstein eingefangen und verbindet ihn mit Schlaglichtern aufs Familienfotoalbum. Die Eltern Ratzinger heißen Maria und Joseph. Der ältere Sohn heißt Georg, der jüngere Joseph, die Tochter Maria. Georg fällt zwar namenstechnisch aus dem biblischen Rahmen. Doch beide Söhne werden Priester. Maria führt Joseph den Haushalt. Einige traute, hochheilige Paare auf engstem Raum. Bilder von der Priesterweihe zeigen Maria und Joseph Ratzinger: Sind sie froh, dass ihre geweihten Söhne nun Söhne des Bischofs werden? Die Kamera durchsucht die Gesichter nach Gefühlsspuren. Sollte da so etwas wie Freude sein, verbergen sie gut. 

Die Morgensonne über dem Naturidyll, die Familienwelt mit klarer Ordnung, die von keiner Gefühlsregung erschütterte Frömmigkeit -  was der kleine Joseph liebt, wird der große verteidigen. "The Great Defender" hätte der Film auch heißen können. Das Schöne ist das Wahre, das Heile das Heilige. Im gülden-roten Pontifikat Benedikts schimmert die rotgoldene Sonne über Traunstein durch. 

 

Ein Haus voll Glorie

 

Der Theologe Wolfgang Beinert, zunächst Assistent Ratzingers, dann selbst Lehrstuhlinhaber in Regensburg, erzählt mit leisem Bedauern, eines der liebsten Kirchenlieder  seines akademischen Lehrers sei „Ein Haus voll Glorie schauet“. Es ist ein Hochgesang auf eine triumphierende Kirche, weit über alle Land schaut sie. Einzelne Menschen sieht man aus dieser Perspektive nicht. Dass sie an der Kirchen leiden, ist aus dieser Höhe erst recht nicht zu erkennen. Der Blick von der Loggia über dem Petersplatz muss ähnlich sein.

 

Filmemacher Christoph Röhl hat fünf Jahre lang recherchiert, stundenlange Gespräche geführt, in denen er vor allem zuhörte. Zu Wort kommen neben den schon Erwähnten der maltesische Erzbischof Charles Scicluna, der mit Ratzinger Seit an Seit in der Glaubenskongregation saß. Zu Wort kommen aber auch die weniger Milden: der gemaßregelte Theologe Hermann Häring, der systemkritische Jesuit Klaus Mertes und der suspendierte irische Priester Tony Flannery.

 

Röhl, selbst Atheist, verhält sich nicht zu der Wahrheit, an die Joseph Ratzinger glaubt. Er nimmt seinem Protagonisten ab, dass er dieses Wahre aus tiefster Seele verteidigt und nicht bloß taktisch. Doch wer mit Mikrofon und Kamera in der katholischen Kirche unterwegs ist, wer hinsieht und zuhört, findet auch Menschen in dieser Kirche, deren Wahrheit eine andere ist: weniger absolut, weniger autoritär. Und aus der Perspektive des Haus-voll-Glorie-Hüters weniger wert.  Georg Gänswein vergleicht die Aufgabe eines Präfekten und eines Papstes mit der eines Gärtners, der Bäume beschneiden muss, damit sie wieder richtig wachsen. Weniger poetisch ausgedrückt heißt das: Wer andere Auffassungen hat als der Schnittmeisters, muss dran glauben.

 

Klares Freund-Feind-Schema

 

Der „Verteidiger des Glaubens“ hat ein klares Freund-Feind-Schema. Der Feind ist die Welt da draußen mit ihrem „Relativismus“, der gefährlichere Feind lauert jedoch im Innern: in Gestalt von Kritikern, Zweiflern, Lauen, Liberalen. In seiner letzten Rede als Kardinal warnt er 2005 vor der „Diktatur des Relativismus“ und meint damit die pluralen Gesellschaften. Die Kamera fährt die Reihen der Wahlberechtigten entlang. Viele schlummern, als Ratzinger gegen die Welt zu Felde zieht. Er gewinnt die Wahl, die Schlacht gegen die Welt wird er verlieren. Die einschläfernde Passage wird hinterher von Benedikts Umfeld zum Weckruf umgedeutet, der Wahlsieg zum Demutsakt. 

Eindrücklich beschreiben der Theologe Hermann Häring und der Priester Tony Flannery die schmutzigen Seiten der reinen Wahrheit: das System von Kontrolle, Angst und Spitzelwesen. "Wenn ich gepredigt habe, saßen unten Leute und machten sich Notizen, um das der Glaubenskongregation zu melden", erzählt Flannery. Sie fanden ein offenes Ohr. Denunziation galt als Dienst am Glauben. 

 

In einer Filmszene aus dem Archiv wird Joseph Ratzinger, damals noch Präfekt der Glaubenskongregation, von Journalisten auf die Missbrauchsfälle bei den „Legionären Christi“ angesprochen. Unwirsch weist der ansonsten contenante Kleriker den Reporter zurück und verschwindet in der schwarzen vatikanischen Limousine, als sei sie ein Schutzpanzer. In Röhls Film schützt der Panzer nicht mehr: Doris Reisinger, früher Mitglied in der geistlichen Gemeinschaft „Das Werk“, Mary Collins, Betroffene und einst Mitglied der vatikanischen Kinderschutzkommission, der frühere Legionär Xavier Legér und der amerikanische Kirchenrechtler Thomas Doyle sagen das, was weder der Kardinal von damals noch der ehemalige Papst von heute hören wollen: Hier hätte einer die verdammte Pflicht gehabt, den Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden und nicht seiner Kinderkirche. Hier entzieht sich ein Spitzenmann seiner Verantwortung.  

 

Wie der Vertraute Georg Gänswein so klagt auch Verteidiger Charles Scicluna unfreiwillig an. Kardinal Ratzinger, weiß er zu berichten, habe schon früher als viele Amtsbrüder Anfang der 2000er Jahre erkannt, dass die Kirchenleitung sich angesichts des massenhaften sexuellen Missbrauchs nicht auf Einzelfälle herausreden konnte. Der Chef habe in der Glaubenskongregation "auf den Tisch gehauen", erzählt der Erzbischof. Was den Glaubenshüter jedoch umtrieb, war  die Sorge um die Kirche. Lieber sollten ein paar Missbrauchsopfer weiter leiden, als dass Millionen Katholikinnen und Katholiken der Kirche ihrer Gefolgschaft aufkündigten, heißt es im Film.  Alles ist relativ im Absoluten.   

 

"Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein" 

 

Das Kirchenvolk taucht in dem Film vor allem als jubelnde, ergriffene Masse auf. Der Traunsteiner Traum lebt auch von denen, die bei Anblick von Päpsten vor lauter Gottesfurcht in Ohnmacht fallen. Zu den eifrigsten Jublern bei Audienzen auf dem Petersplatz gehören die "Legionäre Christi". Ihr charismatischer Gründer Marcial Maciel galt im Pontifikat Johannes Pauls II. als unangreifbar, auch deswegen, weil viele Priester aus seiner Geistlichen Bewegung hervorgingen. Als Missbrauchs-Beschuldigungen gegen ihn auftauchten, blieben diese folgenlos für den spirituellen Star. Erst nach dem Tod von Johannes Paul II., als die Vorwürfe nicht mehr zu leugnen waren, zog Joseph Ratzinger Konsequenzen. Macial musst fortan ein Leben in Buße und Gebet führen, verordnete er, mehr nicht. Der Film zeigt den katholischen Guru im Ferienressort-Ambiente, weder betend noch büßend. Befreiungsstheologen wurden weitaus härter bestraft. 

Die Opfer von sexueller und spiritueller Gewalt stören die schöne Aussicht weit über alle Land. Denn sie sind in nächster Nähe. Eine Szene zeigt die Regensburger Domspatzen. Jahrzehnte lang gab dort Georg Ratzinger den Ton an. Von sexualisierter Gewalt habe er nichts gewusst, beteuert er. Aber die Zuschauer wissen davon. „Schlafe mein Prinzchen, schlaf ein“, singen die hohen Knabenstimmen. Die Kamera fährt nah an das Gesicht des Solisten, der Junge singt engelsgleich die Oberstimme. Die heile, heilige Welt ist gerade dann besonders brutal, wenn sie besonders heil sein will.

 

Nicht nur Joseph Ratzinger sei gescheitert, sagt Klaus Mertes am Schluss des Films, sondern die ganze Ära. Der „Verteidiger des Glaubens“ steht für eine Kirche als Ordnungsmacht, als Bastion der Eindeutigkeit in einer Welt voller konkurrierender Wahrheitsansprüche. Die liturgischen Gewänder der Benedikt-Ära setzt der Film als Gegenwelt in Szene. Trotz strenger Zeremonie sieht der rot-güldene Klerus ästhetisch so unsortiert aus, als habe er gerade den Kostümfundus des Schlosstheaters derer Von Thurn und Taxis geplündert (falls es ein solches Theater geben sollte).

 

Petrus und das Petermann-Prinzip

 

Genüsslich nimmt die Vatikan-Journalistin Christa Pongratz-Lippitt jenen Moment auseinander, an dem Benedikt das Vatileaks-Dossier bei einem Pressetermin an seinen Nachfolger Franziskus übergibt. Mutmaßlich steht darin etwas über Bestechung, homosexuelle Seilschaften und die Vatikanbank. Zwei Männer, ein Bericht, kein Ergebnis. Führungskräfte im Vatikan seien vor allem nach ihrer Rechtgläubigkeit ausgesucht worden, sagt der Kirchenrechtler Thomas Doyle, nicht nach ihren Führungsqualität. Mittelmaß war weit verbreitet im Reich des Absoluten. Joseph Ratzinger stieg so weit auf, bis er heillos überfordert war. Petermann-Prinzip nennt man das in weltlichen Behörden, es gilt auch für Petrus-Nachfolger. Der Ordnungsbewusste an der Spitze hinterließ eine Kirche im organistorischen und moralischen Chaos. 

 

Muss man sich Joseph Ratzinger als glücklichen Menschen vorstellen? Glaube-Hoffnung-Liebe lautet die christliche Kurzbotschaft. Der Verteidiger des Glaubens blickt wenig hoffnungsfroh auf die Gegenwart und lebt in einer merkwürdig liebesarmen Umgebung. Christoph Röhl verliert kein Wort über das Triebleben in vatikanischen Gemäuern, er lässt Bilder sprechen. Sie zeigen eine kühl-schwüle Parallelwelt, in der junge Frauen als Dienstmägde und junge Männer als Ersatzsöhne herhalten müssen.

Der Film versucht, Joseph Ratzinger zu verstehen. Verständnis für und Einverständnis mit ihm weckt er nicht. Für den Traum des Traunsteiner Buben haben andere einen hohen Preis gezahlt. Das ist der wahre Relativismus. 

 

Share on Facebook
Share on Twitter
Please reload

Folgen Sie uns!