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Rechter glauben

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Morgen wird die Deutsche Bischofskonferenz in Berlin eine Arbeitshilfe mit dem Titel „Dem Populismus widerstehen" vorstellen. Die Bischöfe hätten mit der Arbeit auch schon ein paar Tage früher anfangen können. Sie müssen gar nicht weit laufen, um Hilfsbedürftige zu finden. Wo zwei oder drei im Namen des deutschen Katholizismus versammelt sind, sind schon mal Rechtspopulisten mitten unter ihnen.

 

Beim diesjährigen Kongress „Freude am Glauben“ des Forums Deutscher Katholiken zum Beispiel. Der fand vom 14. bis 16. Juni statt, man traf sich in Ingolstadt. Die katholische Nachrichtenagentur KNA bezeichnet die Versammelten als "konservative Katholiken“, rund 1300 dieser Spezies sollen am Kongress teilgenommen haben. Die Agentur-Etikettierung "konservativ" wird von den wenigen Medien, die darüber berichten, brav übernommen.

 

 

 

 

Tatsächlich wurden in Ingolstadt Resolutionen verabschiedet, die dem Rechtspopulismus nicht widerstehen. Unterzeichnet ist das Dokument vom FdK-Vorsitzenden Hubert Gindert und dem früheren Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt Werner Münch. Konservative könnten dagegen protestieren, dass derartiges als konservativ bezeichnet wird, aber sie sind still. 

 

Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz traten in Ingolstat auf: Gregor Maria Hanke aus Eichstätt und der in diesem Blog bereits ausführlich gewürdigte Rudolf Voderholzer. Matthias Drobinski, Redakteur der Süddeutschen Zeitung, fragt in seiner Kolumne auf katholisch.de: "Man wüsste schon gerne, was die Bischöfe Rudolf Voderholzer aus Regensburg und Gregor Maria Hanke aus Eichstätt von der Resolution halten. Der eine zelebrierte den Auftakt-, der andere den Schlussgottesdienst. Wird da noch etwas kommen?"

 

Nein, von den beiden kam bisher nichts.  Man wüsste auch gern, was die Amtsbrüder und andere hochrangige Kleriker davon halten, aber auch die sind alle still. Alle, bis auf einen, aber dazu später.

 

Von "Orientalen und Afrikanern" überschwemmt

 

Die in Ingolstadt versammelten Resolutionäre beteuern, nicht rechts zu sein. Wer die Flüchtlingspolitik, den "Staatsfunk", das Gender-Mainstreaming kritisiere, werde als "rechts" diffamiert, klagen sie. Man werde als "Fundamentalist" und "Faschist" beschimpft. Schaut man sich die Liste der Kongress-Redner an, so fällt ein Mangel an Binnenpluralismus auf. Ein Forum könnte ein Ort sein, an dem verschiedene Meinungen aufeinander treffen. Doch das Forum Deutscher Katholiken ist im Besitz der Wahrheit und die gibt es nur im Singular. 

 

Eine der Hauptattraktionen war der Vortrag von Hans-Peter Raddatz. Der Publizist schreibt regelmäßig für die Zeitschrift „Die neue Ordnung“ über den Islam. In einem Aufsatz von 2018 betrachtet er zum Beispiel „Letzte und Vorletzte Dinge im System des Islam“. Es geht Raddatz um nicht weniger als die Abwehr der muslimischen Weltherrschaft. Die aktuelle „Islamisierung“ sieht er vor dem Hintergrund der „eschatologischen Seinsform des Islams. „Wer noch an dieser Dimension zweifelte, konnte sich von der deutschen Politik überzeugen lassen, deren Institutionen in wahnhaft anmutender Einheit das Land mit der historisch einmaligen Masse von 2 Millionen Orientalen und Afrikanern in 2 Jahren überschwemmten. Der Wahn scheint indes auf einer bestimmten Methode zu beruhen, die sich bei näherem Hinsehen als Leihgabe bzw. Nachahmung des politischen Endzeitdenkens im Islam entpuppt.“

 

Klingt wirr, ist es auch, aber dass hier „Orientalen und „Afrikaner“ zu einer Schwemme entmenschlicht werden, dürfte sich auch jenen erschließen, die „eschatologisch“ für einen neuen Ernährungstrend halten. Man muss solche Redner nicht "in die rechte Ecke stellen", wie Forumsmitglieder im Märtyrer-Modus zu jammern pflegen; sie haben sich dort selbst hinbegeben. 

 

In den Ingolstädter Resolutionen findet sich „der Islam“ nicht, die „Islamisierung“ wird stillschweigend vorausgesetzt, etwa in der kühnen Behauptung, das grundgesetzlich verbriefte Wort „Deutsches Volk“ werde von Regierungsvertretern in „Bevölkerung“ umgewandelt. 

Wie passt dazu, dass auf dem Reichstagsgebäude noch immer „Dem Deutschen Volke" steht?  Mutmaßlich hat Angela Merkel höchstselbst den Meißel beim Volk angesetzt,  aber die zwangsfinanzierten Staatsmedien zeigen in der „Tagesschau" noch immer die alten Fotos, damit es keiner merkt.  

 

Schießübungen auf den Pappkameraden 

 

Glaubt man den freudig Glaubenden von Ingolstadt, gelten in Deutschland Gesinnungs- und Sprachdiktate, eine „Keule der Politischen Correctness“ wird geschwungen und wer sich nicht fügt, wird „diffamiert“ und „sanktioniert“. Es gibt demnach keine Meinungsfreiheit in der Bundesrepublik.

 

Aber: Der Kongress hat stattgefunden, alle Redner haben geredet, keine „Polizei“ hat irgendetwas verboten, die Resolution ist online erschienen, es gab in befreundeten Medien wie kath.net, idea und der "Tagespost" eine freundliche Berichterstattung. In den meisten Zeitungen war gar nichts zu lesen, nicht einmal Kritik.

 

Die Resolutionäre ballern auf einen Pappkameraden namens PC. So weit, so weit verbreitet, so knallend, so harmlos. Weniger harmlos ist das Verständnis von Meinungsfreiheit, das damit unwidersprochen verbreitet werden soll.  Meinungsfreiheit herrscht, wenn die Freude-am-Glauben-Schützen von allen als Volltreffer bejubelt werden. Meinungsfreiheit herrscht, wenn alle zunächst auf den PC- Pappkameraden zielen und dann die eschten, Pardon, eschatologischen Feinde vor die Flinte bekommen: die Gender-Tanten, die Schwulen, den Islam, die Eliten in Politik und Medien.

 

Pssst: Die Ehe zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts ist weiterhin erlaubt 

 

Die eigene Position wird zum wahren Volkswillen erklärt. Den aber bildet das politische System nicht ab. Auch das ist ein klassisches populistisches Muster. Was sich Demokratie nennt, so die Behauptung, ist Un-Demokratie. Die „Ehe für alle“ gilt als Musterbeispiel: Ein Zehntel der Abgeordneten habe die Ehe „umgedeutet“, behauptet die Resolution. Demnach herrscht eine Minderheit über die Mehrheit. Werner Münch war einmal Regierungschef eines Bundeslandes. Wenigstens er hätte googeln können, wie die Gesetzesänderung zur Ehe für alle tatsächlich zustande kam. Es gab am 30. Juni 2017 eine parlamentarische Mehrheit dafür. „Nach einer mitunter sehr emotionalen Debatte stimmten 393 Abgeordnete für die Gesetzesvorlage, 226 votierten mit Nein und vier enthielten sich der Stimme", heißt es auf der Homepage des Bundestages.

 

Anders als es die deutschen Katholiken darstellen, ist diese deutsche Demokratie weder eine Diktatur einer Minderheit noch eine Diktatur der Mehrheit.

 

In aller Feierlichkeit sei hier proklamiert: Die Ehe zwischen zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts ist weiterhin erlaubt! Herr Münch muss nicht - Pardon für die Polemik - Herrn Gindert heiraten.

 

Ratzingers Relativismus 

 

Die katholische Kirche wiederum wird im Freudenforum genau deshalb so hochgeschätzt, weil sie weiß Gott keine Demokratie ist. In der katholischen Kirche gibt es Sprech-, Lehr- und Denkverbote, die gehören zum Wesenskern und gelten als heilsrelevant. Sie hat eine Gesinnungspolizei in Gestalt der Glaubenskongregation, Abweichler werden sanktioniert. In Deutschland wurden in dieser Hinsicht Exempel an Hans Küng, Uta Ranke-Heinemann und Eugen Drewermann statuiert.  Recht so, findet das Forum, es muss Ordnung herrschen.  Sind dennoch Spurenelemente von Pluralität erkennbar - etwa der angekündigte „synodale Weg“ - werden aus deutschen Katholiken besorgte Katholiken. Dann nämlich droht die Verwirrung der Gläubigen.

 

Diskurs, Vielfalt und Kompromissbereitschaft  - all das, was Demokratien auszeichnet - wurde 2005 von Joseph Ratzinger als „Diktatur des Relativismus“ denunziert. Mit solchen Abwertungen kann man aufsteigen in der Hierarchie, in diesem Fall vom Kardinal zum Papst.


Das Ordnungssystem katholische Kirche wird benutzt, um die politische Ordnung der Bundesrepublik zu diffamieren, der Glaube wird instrumentalisiert, um eine Demokratie zu diskreditieren. Ein Kenner des Rechtspopulismus, der sich bisher kaum mit der katholischen Kirche befasst hat, schrieb mir vor einigen Tagen eine entsetzte Mail zu den Resolutionen des Forums: „Die Radikalität, die durch die neue Hoffähigkeit vermeintlich gemäßigter Rassismen gerade in manchen kirchlichen Kreisen freigelegt wird, ist erschreckend, wenn auch vielleicht für Insider nicht überraschend, wie ich höre. Für mich schon.“

Ein anderer sagt mir am Telefon: „Diese Resolution ist doch AfD pur. Warum höre ich da keinen Widerspruch?“

 

Die liberale Wurschtigkeit 

 

Das liberal-katholische Mittelmilieu widerspricht kaum, weil es sich in einer gewissen Wurschtigkeit eingerichtet hat. „Ach, lass diesem Grüppchen doch seinen Spaß. Die sterben eh bald aus“, heißt es dann mit gespielter Gönnerhaftigkeit. Eine andere beliebte Reaktion besteht darin, Mitte als heilige Äquidistanz misszuverstehen. Müssen wir uns nicht alle um ein gutes Diskussionsklima bemühen, links wie rechts?, wird in seelsorgerlichem Ton gefragt.

 

Ja, schon, nur: In der katholischen Kirche kann man schlecht gegen Linksextreme austeilen, weil es unter Deutschlands Katholiken keine gibt. Das kirchenpolitische Koordinatensystem ist schon so verschoben, dass Konservative wie die ehemaligen ZdK-Präsidenten und CSU-Politiker Hans Maier und Alois Glück als "linksversifft" angegriffen werden. 

 

Das Gift, der Hass, die Auslöschungsfantasien kommen in der katholischen Kirche von rechts. Es sind wenige, aber sie treiben den Rest vor sich her, auch deshalb, weil die Kirche umso rechter wird, je näher man dem Vatikan kommt. Dem widerspricht nicht die Tatsache, dass einer wie Franziskus formal an der Spitze steht. Der aktuelle Papst wird als Flüchtlingsfreund und untreuer Ehemann in die Häretiker-Ecke gestellt. Einfach ignorieren kann er diese Vorwürfe nicht, ab und an glaubt er, seinen Gegnern eine Freude machen zu müssen. Dann schimpft auch er gegen Gender, ein Wort, das er hörbar nur vom Hörensagen kennt. Wer katholisch ist, bestimmen wir - das ist die Amtsanmaßung der Rechtskatholiken. 

 

Diese Minderheit sorgt im Namen der Wahrheit dafür, dass Tagungen in kirchlichen Bildungshäusern abgesagt und Videos offline geschaltet werden. Oft wird dieses Stadium erst gar nicht erreicht, weil Entscheider vorauseilend gehorsam ein- und ausladen. Diese Minderheit sorgt dafür, dass keine tiefenscharfe Auseinandersetzung mit den systemischen Ursachen der sexualisierten Gewalt möglich ist, weil jede Reformidee als "Missbrauch des Missbrauchs" verunglimpft wird. Zugleich könnten just jene Kreise, in denen die obsessive Beschäftigung mit dem Unterleib anderer zur Kernsubstanz des Glaubens gehört, ein paar humanwissenschaftliche oder auch einfach nur humane Impulse vertragen.  

 

Missbrauch des Evangeliums

 

Die betonkatholische Minderheit hat die digitalen Medien schon früh entdeckt und ist kampagnenfähig, anders als das katholische Juste Milieu. Welcher Bischof möchte sich schon gern von kath.net als „nicht katholisch“ beschimpfen lassen? Umso mehr lässt aufhorchen, was der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer in seiner Bibelarbeit während des Evangelischen Kirchentages sagte. Ich war nicht in Dortmund dabei, zitiere deshalb von der Homepage des Bistums Essen:

 

„Ein Beispiel aus meiner katholischen Kirche, das mich in den letzten Tagen erschüttert hat: Da gibt es ein „Forum Deutscher Katholiken“, das jährlich zu einem Kongress zusammenkommt. Vor einer Woche traf man sich in Ingolstadt, mit drei Bischöfen, die zu zwischenzeitlich zu Gast waren. Eine Resolution wurde verfasst. Sie offenbart ein Denken voller scharfer Urteile, eine Haltung, die genau zu wissen vorgibt, was wahr und gut ist. Demnach leben wir in einem gefährlichen Land, das an Orwells „1984“ erinnert mit einer „Gedankenpolizei mit Gesinnungs- und Sprechdiktaten“. Hemmungslos wird behauptet: „Jeder, der davon abweicht, was die Regierung vorgibt, wird diffamiert und sanktioniert!“ Um es deutlich zu sagen: Mindestens dieser Satz ist eine Lüge! ... All diesen wirren Thesen werden schließlich ein frommer Anstrich verpasst: Man wolle das Evangelium wieder zum Leuchten bringen und Gott neu in den Mittelpunkt stellen. Dazu wird dann gleich die große Mehrheit der Bischöfe scharf kritisiert, weil sie mit einem synodalen Weg einen offenen Gesprächsprozess in der katholischen Kirche anstoßen wollen. Ich will diesem „Forum Deutscher Katholiken“ keine unnötige Aufmerksamkeit zukommen lassen, aber dieses Beispiel zum Anlass nehmen, uns alle zu erhöhter Wachsamkeit aufzurufen: Wir dürfen nicht zulassen, dass das Evangelium, dass unser christlicher Glaube in solcher Weise missbraucht wird für puren Rechtspopulismus. Darum hilft es, das konkrete Evangelium, die Worte und Taten Jesu dem gegenüberzustellen, was wir derzeit in unserer Gesellschaft und leider auch im Raum unserer Kirchen wahrnehmen. Und da wird sehr deutlich: Der verstehende, barmherzige Jesus, der jeden Menschen sieht, steht in völligem Gegensatz zu all denjenigen, die Aggressionen, Verurteilungen und subtilen oder offenen Hass verbreiten." 

 

Zeit der Denunzianten, Zeit des Diskurses 

 

Das Protokoll verzeichnet starken Applaus. Gegen rechts zu sein, erfordert keinen Mut auf einem Evangelischen Kirchentag. Aber couragiert ist es doch. Wer die kirchlichen Interna kennt, weiß welchen Druck der rechtskatholische Wächterrat gerade auf Amtsträger ausübt. 

 

Die Zeit der Denunzianten ist noch nicht vorbei, die Zeit des Diskurses hat noch immer nicht begonnen.

 

Während ich diesen Text schreibe, erinnere ich mich an meine Auseinandersetzung mit dem rechtskatholischen Milieu. Ich hatte im Dezember 2014 - damals noch als Redaktionsleiterin von Christ&Welt in der ZEIT - eine Anzeige des päpstlichen Hilfswerks Kirche in Not abgelehnt. Darin wurde für eine Veranstaltung geworben mit der Überschrift: „Gegen  den Strom von Meinungsdiktatur und Political Correctness“,  Gender war das Thema. Ich hatte zuvor bei „Kirche in Not" nachgefragt, ob mit der Meinungsdiktatur wirklich die Bundesrepublik gemeint sei. Die damalige Geschäftsführerin antwortete, sie verstehe meine Frage nicht.

 

In einem Editorial begründete ich die Ablehnung der Anzeige damit, dass wir nicht für eine Veranstaltung werben, auf der diese Demokratie als „Meinungsdiktatur“ diffamiert wird. Das sei das Vokabular von PEGIDA und der AfD. Meinungsfreiheit ist auch die Freiheit einer Redaktion, nicht alles zu drucken.

 

Tritte in den Unterleib

 

Die Reaktionen belegten, was im Editorial angedeutet war: dass sich um die Themenfelder Anti-Gender und Anti-Islam neue Allianzen bilden zwischen Rechtskatholiken und Rechtspopulisten. Ich bekam unzählige Mails, in denen denen das christliche Abendland durch Tritte in meinen Unterleib verteidigt wurde. Empfindliche Gemüter sollten jetzt nicht weiterlesen, der Wahrheitsfindung dient es jedoch, ein paar Auszüge zu zitieren:  „Hure, Schlampe, Fotze, du gehörst mal richtig von einem IS-Kämpfer durchgefickt. Wir wissen, wo du wohnst."

 

Heute ist dieser Ton nicht weiter verhaltensauffällig, damals war er noch neu. Wir haben in Christ&Welt eine Seite mit „Leserbriefen“ gedruckt, um transparent zu machen, wie viel Hass, Gewaltfantasien und Enthemmung mit Namen und gutbürgerlicher Adresse abgeschickt werden. Es gab für diese Veröffentlichung viel Aufmerksamkeit und viel Solidarität von weltlichen Kollegen: Die Süddeutsche machte ein Interview, Sascha Lobo schrieb eine Kolumne auf Spiegel Online, Rainer Erlinger erzählt die Geschichte in seinem Buch über Anstand.

 

Interessant waren die Reaktionen aus der katholischen Community: Der Kongress fand im März 2015 in Würzburg statt. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz schickte ein Grußwort, der Bischof von Würzburg, damals Friedhelm Hofmann, zeigte sich als freundlicher Gastgeber. In einem Interview für Christ&Welt sagte er, ich hätte ja auch nicht so unwirsch die Anzeige ablehnen müssen. Das seien doch bloß konservative Katholiken, die müsse man auch verstehen. Der Vertreter eines großen katholischen Verbands schrieb mir, ihm täten diejenigen Leid, die die selben Namen hätten wie die Leserbriefverfasser und nun als Hetzer dastünden.  Andere ließen mich wissen, ich wollte mich eh nur als Opfer wichtig machen.

 

Pastorales Verständnis für den Hass

 

Ich hatte im Editorial weder dazu aufgerufen, die Veranstaltung zu verbieten noch einen Anzeigenannahmeboykott in anderen Medien gefordert. Polemik, Ironie, Spott muss man aushalten, erst recht, wenn man - wie ich - polemisch, ironisch und spöttisch schreibt. Hass nicht. Ich hätte mir damals eine Auseinandersetzung darüber gewünscht, wie sich eine nicht ganz einflusslose Großinstitution dazu verhält, dass in ihren Reihen rechtspopulistische Tiraden mit päpstlichem Siegel verbreitet werden. Die Auseinandersetzung um die neuen politischen Allianzen fand nicht statt. Für den Hass gab es auffallend viel pastorales Verständnis, als sei der eine Art Notwehr gegen eine harte redaktionelle Entscheidung. 

 

Natürlich kann man die Ablehnung der Anzeige falsch finden und kritisieren. Natürlich kann man das Konzept Gender falsch finden und kritisieren. Aber rechtfertigt das Nicht-Einverstandensein diese Enthemmung? Damals offenbar ja.

 

Ich bin Journalistin, ich bin kein Opfer, ich kann mich wehren. Mir schrieben auch Pfarrer und Bildungsreferentinnen, die mit ähnlichen Drohungen überzogen wurden. Die haben keine Leserbriefseite und keinen Blog, aber sie haben Angst. 

 

Essens Generalvikar Klaus Pfeffer sagt jetzt klar: Nein, nichts rechtfertigt den Hass. Es gibt rote Linien. Das liberal-katholische Lager hat die scharf schießenden Märtyrer viel zu lange verharmlost, gehätschelt, gefürchtet. Die Angst davor, von ihnen zur Zielscheibe erklärt zu werden, hat sie stark gemacht.

 

Wenigstens einer hat den Schuss gehört.

 

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