Der Missbrauch, der Speck und das rechte Maß

Werenfried van Straaten - geboren 1913, gestorben 2003 – war ein katholischer Held: Gründer der Ostpriesterhilfe, später „Kirche in Not“, umjubelter Prediger und Spiegel-Cover-Boy. Jetzt fällt der Held.


Er soll im Alter von 60 Jahren versucht haben, eine junge Frau zu vergewaltigen. In einem Untersuchungsbericht im Auftrag des Vatikans steht über ihn zu lesen: „Die Erkenntnisse betreffen Verstöße in Bereichen der katholischen Moral- und Sittenlehre sowie der katholischen Soziallehre. Es handelt sich um einen Versuch der Vergewaltigung, um Maßlosigkeiten in der Lebensführung, um erhebliche Defizite in der Personalführung sowie um Anfälligkeit für faschistoide Ideen.“





Rom ist das seit elf Jahren bekannt, dem Hilfswerk auch. Als sich das Opfer 2010 meldete, lag die Tat 37 Jahre zurück. Ein Seligsprechungsverfahren für den Speckpater wurde gerade noch verhindert, ansonsten blieb die brisante Information streng geheim. Christ&Welt in der „ZEIT“ hat den Fall des Helden vor wenigen Tagen öffentlich gemacht, einmal mehr eine brillante Recherche von Georg Löwisch und Raoul Löbbert.

„Kirche in Not“ gehe professionell mit den Enthüllungen um, steht in dem Artikel. Das Hilfswerk bestätigt laut C&W die Glaubhaftigkeit des Opfers, der Vorwurf der versuchten Vergewaltigung gilt als plausibel. Außerdem ist von „übertriebenem Alkoholgenuss“ die Rede und von desolater Personalführung. Faschistoide Ideen habe man nicht finden können.


Weg mit dem Speck


Wer über google die Youtube-Huldigungsvideos für Pater Werenfried sucht, findet noch die Trefferbildchen. Nach dem nächsten Klick heißt es: Fehlermeldung 404, Beitrag nicht mehr verfügbar. Bei anderen wäre das „Cancel Culture“; das rechtskatholische, pardon: lehramtstreue Unterstützermilieu verkauft es als vorbildliche Aufklärung.


Ist „Kirche in Not“ nicht cool? Noch gut zehn Jahre lang hat man sich genährt vom Pater, dann heißt es: Weg mit dem Speck. Als ginge es um eine Frühjahrsdiät.


Natürlich fällt mir bei der Lektüre der Doppelseite in Christ&Welt auch meine eigene Geschichte mit „Kirche in Not“ ein. Die begann im Dezember 2014 und hatte zunächst nichts mit sexualisierter Gewalt zu tun, eher mit – um in der Diktion des Apostolischen Visitators zu bleiben – „faschistoiden Ideen“. Aber auch diese Formulierung trifft es nicht ganz.

Als Redaktionsleiterin von Christ&Welt hatte ich Ende 2014 eine Anzeige von „Kirche in Not“ abgelehnt. Wer die Sache kennt, kann drei Absätze überspringen, für allen anderen eine Kurzzusammenfassung: Geworben wurde für einen Kongress von "Kirche in Not", der sollte im Frühjahr 2015 in Würzburg stattfinden. Im Zentrum der Anzeige stand eine Diskussion unter der Überschrift: „Gegen den Strom von Meinungsdiktatur und Political Correctness“, Gender war das Thema.


Von "Abfickhuren" und anderen "Verbalausfällen"


Ich bin für Diskussionen über Gender, aber gegen das Wort „Meinungsdiktatur“. Es ist ein Klassiker des neurechten Sprechs, eine Diffamierung der Demokratie und eine Verharmlosung echter Diktaturen. Das schrieb ich in einem Editorial. Sofort kamen die absehbaren Reaktionen auf Sandkasten-Ätschibätschi-Niveau: Selber Meinungsdiktatorin! Zensorin!


Im Impressum stand hinter meinem Namen ViSdP Verantwortlich im Sinne des Pressegesetzes. Dazu gehört: darüber entscheiden, was man verantworten will und was nicht. Das ist nicht Zensur, das ist Redaktion.


Dann aber gingen Mails der anderen Art in meinem Postfach ein. Ein Wort hat sich besonders eingeprägt: „Abfickhure“. Mit dem Wissen von heute bekommt es einen speckigen Glanz.


Aber auch schon damals fand ich Reaktionen dieser Art zur Verteidigung eines sittenstrengen päpstlichen Hilfswerks bemerkenswert. Die Huren-, Schlampen- und Vergewaltigungsfantasien haben wir in einer späteren C&W-Ausgabe als Leserbriefe gedruckt. Weil Hate-Speech damals noch nicht so zum medialen Grundrauschen gehörte wie heute, wurde die Veröffentlichung stark in anderen Medien beachtet.

„Kirche in Not“ entschuldigte sich einige Wochen später für die „Verbalausfälle“, auch das druckte Christ&Welt.


Der Kongress in Würzburg fand statt. Die damalige Geschäftsführerin und auch die Teilnehmer*innen inszenierten sich als Opfer medialer Hetze. Christen, die ihr Christsein ernst nähmen, würden zunehmend „marginalisiert, ja zum Teil diskriminiert“, sagte sie. Die unfreiwillig komische „Meinungsdiktatur“-Diskussion ist bisher nicht gelöscht, es gibt sie noch als Video. Sie war recht einseitig mit Gendergegner*innen besetzt, was völlig in Ordnung ist, siehe V.i.S.d.P.


Hausgemachter Hasskatholizismus


Rechtsautoritäre Katholiken tarnen sich als verfolgte Konservative, benutzen aber die Code-Wörter des neurechten Kulturkampfes. In einem Interview erklärte der damals gastgebende Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann, „Kirche in Not“ seien achtbare Katholiken. Meine Ablehnung der Anzeige sei sehr schroff gewesen, Werbung dürfe doch auch mal zuspitzen. Kardinal Marx schickte ein freundliches Grußwort zum Kongress, als sei nichts geschehen.


Die katholische Kirche genießt hier in Deutschland alle Rechte eines demokratischen Staates. Alle Spitzenkräfte ließen damals das Wort „Meinungsdiktatur“ unwidersprochen stehen.


Die Gründe sind offenkundig. „Kirche in Not“ war reich und einflussreich, unterstützt von Granden wie dem früheren Papst Benedikt, Georg Gänswein, Joachim Meisner und Gerhard Ludwig Müller. Dass in Vorträgen „Gender“ mal eben unter Christenverfolgung abgebucht wurde, ging auch unkritisiert durch, als stünden gehorsame Katholik*innen hierzulande im Terrorbombenhagel wie tatsächlich wegen ihres Glaubens Verfolgte. Eine solche Gleichsetzung gilt als liebenswerte Schrulle, nicht als Kulturkampfrhetorik.


Schon Joseph Ratzinger hat 2005 mit seinem Papst-Bewerbungsslogan „Diktatur des Relativismus“ die plurale Demokratie diffamiert. Aus dem deutschen Episkopat kam keine Kritik an seiner Rede vor dem Konklave. Wer widerspricht schon dem Monarchen einer absoluten Monarchie. Ab und an gibt es dann doch ein bischöfliches Wort für die Demokratie, aber die Papiere tun so, als seien die Rechts-Autoritären irgendwo da draußen. Die eigenen Neurechten und der hausgemachte Hasskatholizismus werden nur selten angesprochen –und wenn, dann mit dem mahnenden Hinweis, es gebe von beiden Seiten Maßlosigkeit, von rechts und links. Das linkskatholische Pendant zur „Abfickhure“ hat mir jedoch auf Nachfrage noch keiner nennen können.


"Demokratie ist vergänglich, Kirche besteht weiter"


Der Sache mit dem Katholizismus, „Kirche in Not“ und der Demokratie wollte ich damals auf die Spur kommen. Es gab einige Hintergrundgespräche mit Würdenträgern. Ich habe keine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben, außerdem sind ein paar Jahre vergangen. Ein Satz aus einem Gespräch hat sich mir eingebrannt. Derjenige, der ihn formulierte, gehörte in meiner Wahrnehmung kirchenpolitisch zum Mittelmilieu. Er sagte: „Die Demokratie ist vergänglich, die katholische Kirche wird weiterbestehen.“

Er sagte es so cool, so professionell, wie „Kirche in Not“ nun über den Vergewaltigungsversuch des Speckpaters referiert.


Raoul Löbbert hat vor einigen Jahren in Christ&Welt einen Leitartikel unter der Überschrift „Meine innere Kirche brennt“ geschrieben. Eine investigative Recherche in der eigenen Seele.


Meine innere Kirche steht seit Jahren in Flammen, viel Asche hat sich angesammelt. Das Herrdeineliebeistwiegrasundufer- Lagerfeuer der Landjugendzeit wärmt nicht mehr.


Aber so cool werden wie die Pater-Profis will ich auch nicht.


Das rechtsautoritär-katholische Milieu ist in mancher Hinsicht sehr sensibel. Deshalb die achtsame Anfrage: Wie geht es zusammen, nach außen Untenrum-Überwachung zu vertreten, aber die Innenrevision der eigenen fortpflanzungsrelevanten Organe jahrelang zu verschleppen? Ich bin noch nicht abgekühlt genug, um das als gut katholische Doppelmoral wegzulachen.

Wie geht es zusammen, bei jedem Gendersternchen die „Kultur des Todes“ zu wittern und schmerzerfüllt dreinzublicken, aber bei der Vertuschung massenhafter sexualisierter Gewalt durch rechtsautoritäre Stars wie Joachim Meisner auf den Missbrauch in Sportvereinen zu verweisen? Ich bin noch nicht zynisch genug, um das maßstabsgerecht zu finden.


Die Diktatoren des Relativismus


Apropos Maßstab: Gerade ist es schick, das rechte Maß in der Berichterstattung über Missbrauch anzumahnen. Als ließe es sich – wie beim Alkoholgenuss des Paters – einigermaßen exakt vermessen, wann es genug ist und wann „übertrieben“ beginnt. In der Berichterstattung über den Erzbischof von Köln solle nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. „Messt mal in Essen oder Osnabrück nach!“, ruft ein Bonner Kleriker.

Achtsam zugespitzt heißt das: Der Erzbischof von Köln darf erst dann wieder kritisiert werden, wenn über alle Täter und – ganz wichtig – Täter*innen in den anderen 26 Bistümern, in allen evangelischen Landeskirchen, in allen Orden, in allen nicht christlichen Religionsgemeinschaften, in allen Sportvereinen (alle Sportarten), in allen staatlichen Schulen und allen Familien investigativ berichtet wurde. Ob die Kritik dann wirklich angemessen ist, klärt ein gerichtsfestes Gutachten.


Dieses Denken – das ist die Diktatur des Relativismus. Es ist alles egal, bis auf Sternchen und Schwulsein. Moral wird weggegutachtet. Ist ohnehin Hypermoral, heißt es in ungerechter, neurechter Sprache.


Von meiner inneren, in der Jugend aufgebauten Kirche, sind kaum noch tragfähige Balken geblieben. Aber das Grundmaß habe ich immer noch klar.


Es hat keinen Zweck, den Maßlosen, den Diktatoren des Relativismus zuzurufen: Schämt euch! Erinnert euch daran, welcher Botschaft ihr verpflichtet seid!


Aber der bewusst unempörte synodale „EinHalt“-Sound ist erst recht unangebracht. Es sieht so aus, als sei diese Diktatur des Relativismus auf dem Siegeszug.

Das hier ist kein geistlicher Prozess. Es ist eine politische, ethische, kulturelle Auseinandersetzung.

Nur noch wenige halten das aus. Was bleibt, ist eine Kirche, die das Leid ihrer Opfer mit Tonnen von Speckschwarten aufwiegt.



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