Lassen Sie uns bitte sachlich bleiben! Von Schafott, Kreuz und Kreisen

Aktualisiert: Apr 2

Der Strafrechtler Björn Gercke war jeden Cent wert, den er aus einem erzbischöflichen Fonds bekommen hat. Falls Sie sich schon hier fragen, ob Sie dem Rest meines Textes trauen können, verweise ich auf ein Video von Ansgar Puff. Der hatte, als er sich noch mit „Dein Weibischof Ansgar“ in die Nacht verabschiedete, sein Publikum ermahnt, bei Medien immer schön kritisch zu sein und die Quellen zu prüfen. Ob diese fürsorgliche Ermahnung auch dann noch gilt, wenn ein Weihbischof fürsorglich beurlaubt ist, weiß ich nicht. Jedenfalls habe ich schon im November 2020 die Quelle geprüft und beim Erzbistum Köln nachgefragt, ob die auffallend rege juristische Aktivität im Namen des Herrn aus Kirchensteuereinnahmen finanziert werde. Die Antwort war: Nein, die Kanzleien würden aus einem Sondervermögen bezahlt; dessen Zweck sei die „ideelle und materielle Förderung besonderer kirchlicher Bedürfnisse und Anliegen im Erzbistum Köln.“



Lieber Leser, liebe Leserin: Sie können mir glauben. Eine vertrauenswürdigere Quelle als das Erzbistum Köln gibt es derzeit nicht.


Nun also weiter im Text nach diesem kleinen Exkurs in die Welt kirchlicher Sondervermögen und Sonder-Bedürfnisse. Björn Gercke hat am 18. März höchst professionell vorgetragen: einerseits ernst, andererseits dosiert komisch. Gekonnt diktierte er Meisners Dossiertitel „Brüder im Nebel“ der Journaille in den Block. Den Längenvergleich mit der Konkurrenz gewinnt er locker: Sein Gutachten hat beeindruckende 915 Seiten. Das nicht veröffentlichte WSW-Gutachten bringt es auf 512. Gercke hat 75 Pflichtverstöße der Verantwortlichen gezählt, WSW 67. Damit alle das merken, gab es dazu am 25. März eine Pflichtverstoßzählungsvergleich-Pressemitteilung.


75 Shades of Pray


In meinem Exemplar der Bibel-Einheitsübersetzung hat das Neue Testament 324 Seiten. Gutachter Jesus bringt keine einzige belastbare Pflichtverstoßzählung zustande. Ich ziehe daher meine äußerungsrechtlich problematische Überschrift „Jesus war Jurist“ aus einem früheren Blogeintrag zurück. Dieser Wanderprediger hatte, wie ich jetzt weiß, kein Staatsexamen und keine renommierte Kanzlei. Was er sagte, wie er richtete, war nicht rechtssicher.

Über das Gercke-Gutachten sei international berichtet worden, verkündete die Pressestelle des Erzbistums stolz. Vermutlich wird es bald eine Übersetzung geben und das Werk wird ein Bestseller. „Circles of Duty“ oder „75 Shades of Pray“ – ich bin gern bei der internationalen Titelfindung behilflich.


Sorgfältig, sachlich und belastbar – so heißen die Heiligen Drei Könige der Kölner Aufklärung. „Lassen Sie mich das bitte sachlich richtig stellen“, sagt Björn Gercke gern in Diskussionen und Interviews. Das richtet sich an alle Empörten, Fassungslosen, Bestürzten. An alle, die nicht verstehen, wie es sein kann, dass massenhaft Kinder und Jugendliche von Klerikern missbraucht wurden, dass die Täter kaum zur Rechenschaft gezogen und die Verantwortlichen nicht im Sinne der Misshandelten handelten. Dass die Vertuschung jahrzehntelang reibungslos klappte, während die Aufarbeitung stockt.


Für Köln-Kenner ist mindestens irritierend, dass die Akten zu sexualisierter Gewalt lückenhaft geführt wurden. Die Akten über Abweichler von der reinen Lehre dürften hingegen dank Meisnerschem Spitzelsystem perfekt paginiert gewesen sein.


Bruche me net, fott domit


Lassen Sie uns bitte sachlich bleiben! Das heißt auch: Moral steht im Verdacht, nichts zu Sache beizutragen. Das ist erstaunlich angesichts der Tatsache, dass im Erzbistum Köln Moralpredigten ein besonderes Bedürfnis und Anliegen des hohen Klerus waren. Meisners Reden wider den Sex vor der Ehe, wider Homosexualität und weibliche Selbstbestimmung - das gehört zum ideellen Sondervermögen des Erzbistums. Deshalb gilt er als „unbequemer Mahner“. „Wer sich anpasst, kann einpacken“ heißt ein 2020 erschienenes Huldigungsbuch.


Bis zum 18. März 9.59 Uhr stand Meisner auf dem Mahner-Sockel. Ein paar Minuten später stieß der Strafrechtler den Säulenheiligen hinunter. 24 Pflichtverstöße – bruche me net, fott domit. Der Sockel wurde frei für jenen, der keinen einzigen Strafpunkt im Gercke-Register zu verzeichnen hat.


Just in jenem Moment, als sich die Umrisse der neuen Sockelgestalt abzeichneten, wurde der Sachlichkeits-Anmahner Gercke unsachlich. Im Redemanuskript heißt es an der entsprechenden Stelle: „Ein Kollege Münchener Kanzlei hatte die Referentin des Kardinals bereits im Frühjahr vergangenen Jahres darüber informiert, dass dem Kardinal nichts drohe und er sich keine Sorgen machen brauche. Das ist mir doch mit Blick auf die Berichterstattung der vergangenen Monate wichtig, auch wenn ich da die Rolle des Gutachters kurz verlasse: Hätte der Kardinal wirklich etwas bzgl. seiner Person zu vertuschen gehabt, hätte er das Münchener Gutachten durchwinken können, einen Rechtsstreit riskieren können –und hätte persönlich seine Ruhe gehabt.“


"Herrn Woelki zum Schafott zu führen"


Im Vortrag wich der Strafrechtler vom Manuskript ab, bevor er pointensicher die Anruf-Anekdote erzählte. Er sagte: „Wir liegen mit unserer Wertung, die wir uns nicht leicht gemacht haben, denn medial wäre es für uns am leichtesten gewesen, Herrn Woelki zum Schafott zu führen, – aber wir liegen mit dieser Wertung nicht nur auf Linie mit dem Heiligen Stuhl, sondern übrigens auch mit den Münchner Kollegen.“


Es war mir bis dahin neu, dass in Deutschland die Todesstrafe vollstreckt wird, noch dazu mit dem Schafott. Aber ich bin froh, wenn ein Strafrechtler mich sachlich richtig stellt. Mit Geschichte im Nebenfach und einer Dissertation über Frankreich fühlte ich mich beim Wort Schafott an Ludwig XVI. erinnert, der unter der Guillotine landete. Das würde allerdings bedeuten, dass die katholische Kirche eine absolutistische Monarchie ist und Missbrauchsberichterstattung etwas Ähnliches wie der Sturm auf die Bastille. Es würde zudem bedeuten: Der Monarch ist jetzt wieder da, Kritik ist Majestätsbeleidigung, scharfe Kritik eine Hinrichtung.


Absolutismus in Kölle, absurd, oder? Das kann der gute Gutachter nun wirklich nicht gemeint haben.


Wahrscheinlich hat er seine Rolle „kurz verlassen“, um ein bisschen im metaphorischen Nebel zu stochern. Er wollte wohl bloß sagen, dass der Rücktritt des Erzbischofs zu Unrecht gefordert worden ist.


Der aktuelle Gekreuzigte

Das kurze Aus-der-Rolle-Fallen des Sachwalters der Sachlichkeit ist folgenreich, erst recht in der Karwoche. Björn Gercke hat zwar vom Schafott gesprochen, nicht vom Kreuz. Aber für Menschen mit Theologie-Hintergrund wird der Null-Punkte-Kardinal gerade so kurz vor Ostern zum Gekreuzigten, zum schuldlos Gehetzten, zur Jesus-gleichen Gestalt. Das Tradi-Lager hat Märtyrer Meisner schnell die Treue aufgekündet, jetzt ist Woelki der verfolgte Glaubenszeuge. Die Kreuziget-Ihn-Rufer sollte sich bei ihm entschuldigen, fordern einschlägige Portale. Es gab Fürbitten für den von der Medienmeute Gejagden.


Im Dom predigte Markus Bosbach am 20. März zum Johannesevangelium (7,40 ff.). Er sprach über die Verurteilung Jesu durch die Pharisäer . Der Domkapitular sagte: „Nikodemus aber, einer aus ihren eigenen Reihen, der früher einmal Jesus aufgesucht hatte, sagte zu ihnen: Verurteilt etwa unser Gesetz einen Menschen, bevor man ihn verhört und festgestellt hat, was er tut?" Der Bezug zur Aktualität ist klar: „Man schaue nur auf die letzten Tage hier in Köln, auf unseren Erzbischof, auf die unabhängige Untersuchung von Missbrauch. Für manche darf es nicht sein, dass er zum Beispiel persönlich in einem bestimmten Fall entlastet wird und deshalb schreibt man dann weiter."


Derselbe Herr Bosbach hatte noch vor einem Jahr Meisners Anpassen-Einpacken-Buch im „Domradio“ belobigt. Das Buch erwähnt sexualisierte Gewalt mit keinem Wort. Meisner habe immer ausgezeichnet, so Bosbach in dem Interview, „dass er einen Blick hatte, auch für die kleinen, unscheinbaren Menschen“. Dass der Kardinal keinen Blick hatte für die unscheinbaren Missbrauchten? Einpackpapier drum und fertig. Die aktuellen Kölner Führungskräfte haben davon nichts gewusst, nichts geahnt, es sei denn, es kann gerichtsfest das Gegenteil bewiesen und ein Pflichtkreis abgezirkelt werden.


Keine Menschlichkeit messbar


Schon allein, um die Infamie solcher „Dem-Kardinal-ergeht-es-wie-Jesus“-Deutung zu erfassen, lohnt sich ein Blick ins WSW-Gutachten. Nach weniger als zehn Minuten drängt sich mindestens ein Grund dafür auf, warum es unveröffentlicht bleibt. Die Münchner Kanzlei reduziert das Geschehen an der Spitze des Erzbistums nicht auf eine Ansammlung von Pflichtverstößen, als ginge es um die Flensburger Verkehrssünderkartei. WSW analysiert das Kölner „Herrschaftssystem“ und beschreibt plastisch die haltungsarme Haltung Hochwürdigster Herren: Desinteresse am Leid der Opfer, Empathielosigkeit, allenfalls reaktives Verhalten bei gleichzeitigen Bestürzungsbekundungen gegenüber der Öffentlichkeit. WSW entwirft das Bild einer Führungsetage, in der es eine übermenschliche, übermännliche Anstrengung gewesen wäre, Menschlichkeit zu zeigen. Da regierte nicht die Doppelmoral, sondern die Unmoral.


Zum Gutachterauftrag sowohl an Gercke als auch an WSW gehört das kirchliche Selbstverständnis. Menschlichkeit wiederum dürfte dem kirchlichen Selbstverständnis nicht fremd sein angesichts eines ideellen Sondervermögens namens „Menschwerdung Gottes“. Deshalb bleibt unverständlich, was am WSW-Gutachten methodisch gravierend falsch, also unsachlich, gewesen sein soll. Aber gut.


Hätten meine gut katholischen Ahnen das WSW-Werk auszugsweise gelesen, sie wäre vom Glauben abgefallen: kein Anstand bei den Hochstehenden! Bei denen, die den kleinen Leuten ständig von Sünde und Schuld predigten. Die in der Beichte nach unkeuschen Gedanken und Sex ohne Empfängnisabsicht fragten.


Die Herren da oben hätten sich trotzdem nicht um den Glauben der Gutgläubigen sorgen müssen: Meine unakademische Verwandtschaft wäre vom äußerungsrechtlichen Merkzettel so eingeschüchtert gewesen, dass sie niemandem von dem Gelesenen erzählt hätte. Omas, Onkel und Tanten hätten tapfer weiter bekundet: Die Kirche tut doch so viel Gutes! Sie hätten klaglos Palmzweige ans Kreuz geheftet, Osterlämmchen gebacken und für ihren „Papst, Erzbischof, für alle Priester und Diakone und alle, die zum Dienst in der Kirche bestellt sind“, in der Messe gebetet.


Die Tränen der Betroffenen schimmern durch


Die Gutgläubigen ohne theologische Verbildung kennen nicht das edle Vokabular, mit dem sich Verbrechen und Schuld in Nebel und Weihrauch verflüchtigen lässt. Immerhin: Die Juristerei im Auftrag des Erzbistums lässt das Schreckliche durchschimmern. „Wer das beim Studium der dicken Ringordner nicht vergessen will, muss sich den Schmutz und das Blut, das Sperma der Täter und die Tränen der Betroffenen hinzudenken, um sich nochmals klar zu machen, was hier überhaupt verhandelt wird“, schreibt Christian Linker in einem exzellenten Blogbeitrag für "Theosalon".

Eine bestimmte Theologie aber verhüllt, was die Juristenkreise sichtbar gemacht haben. Sie bietet feine Worthülsen, um vom Unmenschlichen, Ungerechten, Skandalösen abzulenken. Sie bietet die Werkzeuge, um den Opferstatus für die Nicht-Opfer zu zimmern. Kritik an Hiearchen wird zur „Kreuzigung“. Kriminelle Priester werden zu „Hirten, die vom Weg abgekommen sind“. Was den Kindern geschah, verschwindet unter Schwaden und Schlieren. Ein Musterbeispiel ist der schmierige Brief an Irlands Katholiken, den Papst Benedikt XVI. im März 2010 schrieb. Missbrauch sei ein In-die-Wunden-Jesu-Schauen, heißt es da. Kein Wunder, dass das Erzbistum Köln diesen Brief in einer Broschüre 2010 nachdruckte.


Der Geringste meiner Brüder


Die Missbrauchten schauen nicht „in die Wunden Jesu“. Sie wurden vergewaltigt, oral, anal, vom konkreten Menschen mit Personalakte, nicht von vom biblischen Personal. Die Täter erzählten hinterher – so kann man es in der MHG-Studie nachlesen – ihrem Beichtvater, es sei alles harmlos gewesen. Der Gipfel theologischer Kunst ist es, von den Opfern Vergebungsbereitschaft zu fordern – von den Tätern und Verantwortlichen hingegen nichts zu verlangen.


Viele Betroffene wenden sich verzweifelt an Medien, auch an mich. Einige können ihre Geschichte aufschreiben, in Fernsehkameras und Radiomikrofone sprechen. Manche haben als Kinder so viel Gewalt erlebt und so viel Psychopharmaka geschluckt, dass sie nur stockend und lallend reden können. Sie passen nicht in die Welt der Konferenztechnik, Rednerpulte, Inszenierungen. Um unsachlich, also moralisch, zu werden: Sie dürften gemeint sein, wenn im Matthäus-Evangelium von den geringsten Brüdern die Rede ist. Die Brüder im Nebel eher nicht, jedenfalls nicht zuerst.


Der erste Mann im Erzbistum, ein Kardinal mit Pressestab und Juristen-Entourage, mit Geld und Einfluss ist systemisch niemals der Geringste. Er kann sich wehren, juristisch und publizistisch. Schon das unterscheidet ihn von den vielen Missbrauchsbetroffenen. Er kann ihnen Gehör gewähren – oder auch nicht. Er bleibt der Herr des Verfahrens. Er hat die Macht.


Warum mir vor den Karfreitags- und Osterpredigten graut


Mir graut schon vor den Karfreitags- und Osterpredigten, die das Gutachtengeschehen, sei nach dem Gercke- oder nach dem WSW-Evangelium, theologisch ausschlachten, für Kardinalshuldigungs- oder Opfer-Mitfühl-Kitsch.


Lassen Sie uns bitte sachlich bleiben! Es gibt noch viel in der Sache zu recherchieren. Es sind viele Fragen nach Mitwisserschaft, ethischer Hilfspflicht und Gewissensaufstand offen.


Auf eine Frage an den Kardinal habe ich immerhin bei der Pressekonferenz am 23. März eine Antwort bekommen. Die Frage lautete: „Sie haben beim Trauergottesdienst für Ihren Vorgänger im Juli 2017 gesagt: ,Weil Gott Mensch geworden ist, kämpfte Kardinal Meisner für den Schutz des Lebens, gelegen oder ungelegen, und er stand auf, wo immer das Leben bedroht war, weil er sich für die Humanität unserer menschlichen Gesellschaft einsetzte.' Warum haben Sie das gesagt, obwohl Sie nicht nur ahnten, sondern – wie wir jetzt wissen – auch wussten, dass er Humanität gegenüber den Missbrauchsopfern vermissen ließ?“


Die Antwort von Dr. Rainer Maria Woelki lautete: „Frau Dr. Florin, da haben Sie recht, ich habe das damals so gesagt, weil ich in der Tat vor allen Dingen die Bedrohung menschlichen Lebens in den Anfängen, in seinen Anfängen und an seinem Ende im Blick hatte und das sicherlich eines der großen Themen und Fragen von Kardinal Meisner gewesen ist. Ich muss im Nachhinein Ihnen recht geben, dass das eine verkürzende Sicht von mir gewesen ist und dass sicherlich es auch gut gewesen wäre, wenn diese Perspektive, die im Wirken des Kardinals zu kurz gekommen ist, hätte thematisiert werden müssen. Wobei ich - das will ich jetzt auch nicht relativierend sagen - ich glaube, dass jetzt erst die Untersuchung wirklich auch zum Ausdruck gebracht hat, ans Licht hervorgebracht hat, wie das Entscheiden des Erzbischofs jetzt wirklich gewesen ist.“


Sollte Ihnen mal jemand vorwerfen, dass Ihnen - rein spekulativ, versteht sich - vor lauter Machtgeilheit die Geringsten zu gering waren, sagen sie einfach: Sorry, die Perspektive der Humanität ist in meinem Wirken zu kurz gekommen. Passiert jedem mal, wir machen alle Fehler. Immer schön menschlich bleiben. Mir sinn doch all Minsche.







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