Christiane Florin

29. Dez 20203 Min.

Eine Nicht-Tochter ist uns geboren, ein nicht-intersexueller Sohn ist uns geschenkt

Als ich Kind war, erzählten die Erwachsenen am Heiligenabend vom Krieg, vom Hungerwinter '47 und wie gut wir Nachgeborenen es doch hätten. Immer kam der Satz: „Fünf Pfennig waren damals viel Geld“. Dann gingen wir in die Christmette. Von der Orgelempore aus konnte man sehen, was bei gut katholischen, gut situierten Ehepaaren unter Baum gelegen hatte: SIE trug das neue Persianerjäckchen, ER die Seidenkrawatte mit lustigen Tiermotiven. Die Weihnachtspredigt war gefühlt immer dieselbe: Süßer die Kassen nie klingeln! Weihnachten darf nicht zum Kommerzfest verkommen! Gott ist Mensch geworden in einem Kind! In einer Krippe! Es war in der Kirche dieselbe „Fünf-Pfennig-waren damals viel Geld“-Mahnung wie am Küchentisch, bloß um das Jesuskind angereichert.

Aus Kindern wurden Jugendliche. Die Gattinnen trugen in der Christmette irgendwann statt Persianer Alcantaramäntel, auch von den Schlipsen verschwanden die Tiere. Wir wünschten uns mit 13, 14 Jahren Rollerscates, Adidas-Turnschuhe und einen Walkman, natürlich den echten von Sony mit Dolby-Rauschunterdrückung. Die Weihnachtspredigt wurde um die Kritik an Markenfetischismus erweitert. Dann kam die Firmung, wir sahen den Weihbischof in einen BMW mit Autotelefon und Blaupunkt-Radio einsteigen. Doppelmoral! Auf dem Walkman lief „Wenn et Bedde sich lohne däät“ von BAP in Endlosschleife, der rheinische Weihrauschunterdrückungs-Song schlechthin.

Von Unterleibsfetischismus nicht zu unterscheiden

Dieses Jahr wünsche ich mir die alte Doppelmoral zurück, die Kommerzkritik, die doofe Süßer-die-Kassen-nie-Klingeln-Poesie. Wo ist eigentlich Ulf Poschardt, der alljährliche Predigtschelter, wenn man ihn mal braucht?

Stefan Oster, Rudolf Voderholzer und Walter Kasper haben in ihren saisonalen Wortmeldungen den katholischen Markenkern so umdefiniert, dass er von Unterleibsfetischismus nicht mehr zu unterscheiden ist: Gott ist an Weihnachten nicht Frau geworden! Nicht Trans! Nicht Inter! Gott! Sei! Dank!

In meiner Familie wurde die Jungfrauengeburt sehr ernstgenommen. Es war wichtig, dass Maria ihr Kind vom Heiligen Geist ohne Sünde empfangen hatte, nicht so gewöhnlich wie alle anderen. Josef stand immer etwas verloren in der Krippe herum, ein banale Figur unter all den Nicht-Banalen. Meine Oma machte den Fernseher aus, wenn ein Mann eine Frau sehr lange küsste und eine Andeutung von Sex – „Sechs“ mit weichem S wurde das gewöhnliche Geschehen genannt – aufschien. Nein, nein, nein, rief sie dann.

Nehme ich die Hochwürdigsten Herren in diesem Jahr beim Wort, dann steht an der Krippe das normativ katholische Ehepaar Maria und Josef. Die beiden sind einander zwar nicht leiblich in einem gut katholischen Akt begegnet, aber wären Maria und Josef sexuell überhaupt irgendwie orientiert, dann wären sie heterosexuell orientiert. Jesus natürlich auch. Ganz wichtig: Am 6. Januar werden drei Walkmen aus dem Morgenland einem unbeschädigten Jungen huldigen, der sein Geschlecht ganz genau kennt.

Vater, Mutter, Sohn – das ist so markig katholisch wie die drei Streifen von Adidas.

Alcantara-Katholizismus

Ich stelle mir vor, ich müsste den Erwachsenen, die früher am Heiligen Abend vom Hungerwinter 47 erzählten, diese Weihnachtsbotschaft von heute überbringen: Stellt euch vor, ich habe das Christkind gesehen, und es war ganz konkret männlich und heterosexuell! Nicht transsexuell, nicht intersexuell.

Meine Oma würde statt „Gloria in Excelsis Deo“ garantiert „Nein, nein, nein“ rufen bei so viel Sechs unterm Christbaum. Meine Mutter würde fragen, ob die Männer mit den Mützen keine anderen Sorgen haben, zum Beispiel die armen Kinder in den Flüchtlingslagern auf Griechenland. Der Großonkel mit dem Krieg in den Knochen würde abwinken - "Wat soll dä Quatsch?" - und zum Herrengedeck übergehen.

Ich habe mir dieses Jahr zu Weihnachten einen Alcantara-Katholizismus zugelegt. Der ist praktisch und wärmt. Und das beste: Verbaler Dreck lässt sich ganz leicht wegwischen. Ohne Rückstände.

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