Eine endlose Tragödie oder Versuch einer Publikumsbeschimpfung

Gäbe es jetzt keinen Corona-bedingten Lockdown light, dann wäre bald im Kölner „Hänneschen“ das Stück „Dä Engel vum Rhing“ ("Der Engel vom Rhein") zu sehen, ein Weihnachtsmärchen. Das Puppentheater ist berühmt für seine hölzernen Figuren mit dialektischem Witz und robusten Umgangsformen. Für Schauspiel ist in Köln trotzdem gesorgt. Seit Tagen spielt Erzbischof Rainer Maria Woelki die Hauptrolle in einem wirren Stück. Auf der Besetzungsliste stehen auffallend viele Juristen. Die Handlung zu erzählen, wäre für knapp drei Minuten zu kompliziert. Nur so viel: Der Erzbischof hatte im Herbst 2018 versprochen, „ungeschönt und ohne falsche Rücksichten“ aufklären zu wollen. Eine Münchner Kanzlei sollte untersuchen, wie die Verantwortlichen des Bistums mit sexualisierter Gewalt umgegangen sind. Die Veröffentlichung ihres Berichts wurde zunächst aus äußerungsrechtlichen Gründen verschoben, nun ist klar: Das Werk erscheint gar nicht, diesmal wegen gravierender inhaltlicher Mängel, wie Gutachter recht robust attestierten. Eine neue Untersuchung ist in Auftrag gegeben. 


Falls das Schauspiel jemandem bekannt vorkommen sollte: Ja, so etwas Ähnliches gab es schon 2013, damals endete die Zusammenarbeit zwischen dem Kriminologen Christian Pfeiffer und der Deutschen Bischofskonferenz mit einem Knall. Nach kirchlichen Angaben lag es am Wissenschaftler, laut Erzbistum Köln hat die Kanzlei angeblich unsauber gearbeitet. „Wir sind die Engel vom Rhein, die anderen sind schuld“, wäre das im Hänneschen- Jargon. 


Das große Solo-Stück "Ich war Vertuscher" bleibt unbesetzt


Im Zuschauerraum ist es ziemlich still, aber nicht vor Spannung, sondern vor Langeweile. Das Publikum hat sich an Aufführungen dieser Art gewöhnt und weist den Betroffenen stets dieselbe Rolle zu: die Rolle der Leidenden, Fordernden, vergeblich Kämpfenden gegen eine übermächtige Institution. Es nützt nichts, an Aufrichtigkeit, Moral und Gewissen von Bischöfen, Generalvikaren und Personalverantwortlichen zu appellieren. Das große Solostück: „Ich war Vertuscher“ bleibt unbesetzt. Kirchliche Aufklärung war schon im Lockdown, bevor das Wort in den allgemeinen Sprachschatz wanderte.  Das, was an Vertuschung geschehen ist, ins Rampenlicht zu holen, ist nicht allein die Sache von Betroffenen. Es könnten viel mehr Menschen den bequemen Sessel verlassen, den Bischöfen unbequeme Frage stellen, ihnen keine Ruhe lassen, ob als Kirchenmitglied oder Nicht-Mitglied. Auch die Politik sitzt noch immer eher desinteressiert auf dem Zuschauerrang, als glaube sie an das engelsgleiche Wirken von Klerikern. Der Bundestag schafft keine gesetzliche Grundlage für eine unabhängige Wahrheitskommission. Der Kölner Akt im endlosen Stück zeigt wieder die Grenzen institutioneller Selbstaufklärung. Aufgeführt wird kein Weihnachtsmärchen, zu sehen ist eine Tragödie, für die Betroffenen und für den Rechtsstaat.


(Kommentar im Deutschlandfunk vom 2. November 2020, 19.05 Uhr)



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