Im Verein der Täter


Ein solcher Mensch ist in der katholischen Lehre nicht vorgesehen. Als „Nicht-Mann, als nicht heterosexuelle Person, als nicht mal binäre Person“ stellt sich Mara Klein dem Plenum des Synodalen Weges vor.


Zitternd und stark


Ich sitze am Schreibtisch und bereite die Sendung, die ich gerade moderiert habe, für unsere Homepage nach. Der Live-Stream vom Synodalen Weg läuft nebenher. Als Mara Klein spricht, höre ich mit dem Tippen auf und schaue hin. Das Wort ist abgegriffen, hier passt es: Was ich höre, ist unerhört. Den 230 Delegierten im Saal in Frankfurt scheint es ähnlich zu gehen. Sie horchen auf. Eine junge Stimme, aufgeregt, zitternd und stark zugleich. Rund zwei Minuten dauert ihr Statement: „Bischof Voderholzer hat vorhin gesagt, er würde sich unwohl fühlen. Ich hoffe doch, dass wir uns unwohl fühlen. Wir haben allen Grund dazu. Ich fühle mich sehr unwohl, hier zu stehen. Als nicht Mann, als nicht heterosexuelle Person, als nicht mal binäre Person. Als junger Mensch in unserer Kirche fühle ich mich unwohl hier zu stehen und zu wissen, dass um mich herum die gesamte Struktur, die die Ergebnisse, die die MHG-Studie nur noch mal betont hat, verursacht hat, versammelt ist. Ich bin auch gegen eine Polarisierung Kleriker und Laien, aber ich möchte betonen: Wir haben es hier mit einer massiven strukturellen Sünde zu tun. Zeigen Sie, dass Sie da ausbrechen können. Ich stehe trotzdem hier und es fällt mir schwer, weil ich daran glaube, dass wir daraus ausbrechen können. Wenn es mir schon so schwer fällt, hier zu stehen, möchte ich auch, den Vorschlag, ein Opfer zu hören, kritisch überdacht wissen. Bedenken Sie, dass Sie als ein Verein von Tätern jemanden versuchen zu zwingen ,hier Zeugnis abzulegen. Ich weiß, es wurde sehr viel gesagt: Wir wollen zuhören. Es wurde vorhin im geistlichen Impuls gesagt: Auf Ungeahntes hören. Dass sexuelle Missbrauch von den Strukturen dieser Kirche begünstigt wird, wissen wir. Das ist nichts ungeahntes. Also bitte seien Sie betroffen. Sie sind nicht die Opfer.“


Fluchtweg versperrt


Es ist ein Moment der Geistesgegenwart.

Ich stehe dem Synodalen Weg aus verschiedenen Gründen skeptisch – nicht feindlich – gegenüber. Für diese zwei Minuten bin ich dankbar. Selbstkritisch muss ich zugeben: Ein solcher Moment wäre ohne die Versammlung nicht zustande gekommen.


Nach den Worten von Mara Klein dürfte es schwer möglich sein, den Weg als Ausflucht zu nutzen. „Missbrauch war zwar schlimm, aber jetzt müssen wir nach vorne schauen“; „95 Prozent der Priester haben sich nichts zuschulden kommen lassen“. „Unsere Gemeinde ist gut“ - solche Sätze hat Klein als No-Go markiert.


Ein Opfer in die Arena zu zerren, damit die Etappe „Schmerzliches Zuhören“ erledigt ist - auch das geht nach diesem Statement nicht mehr.


Man muss nicht, wie Mara Klein es ausdrückt, „nicht Mann, nicht heterosexuell, nicht einmal binär“ sein, um klar zu sehen und klar zu reden. Aber es schärft den Blick für die Ordnung, wenn ein Mensch darauf schaut und fragt: Warum bin ich hier nicht vorgesehen? Was stimmt mit der Ordnung nicht?


“Humanismus der Nettigkeit“


Mara Klein hat, mit wenigen Sätzen, den Zynismus all jener ordnungsbewussten Katholikinnen und Katholiken sichtbar gemacht, die „Gottesfinsternis“ und Glaubensverlust als Missbrauchsursache ausgemacht haben. Was Glauben ist, bestimmen sie. Auf die Frage: „Wie war es möglich?“ haben sie keine andere Antwort als die Ermahnung: „Hätten sich alle mal an die Lehre gehalten, dann gäbe es keinen Missbrauch.“


Mara Klein spricht ausdrücklich Rudolf Voderholzer an, der ebenso kühn wie erwartbar das Plenum dafür genutzt hat, die Seriösität der MGH-Studie anzuzweifeln. Am Abend zuvor hatte Passaus Bischof Stefan Oster mal wieder den „Humanismus der Nettigkeit“ verhöhnt. Bei aller verordneten Liebe zum offenen Ohr: Ich kann diese Alternative „Gott oder Mensch“ nicht mehr hören. Mir wäre eine Kirche lieb, die um eine humane Botschaft ringt, anstatt eine harte, aber hohle Doktrin zu verteidigen.


Die römisch-katholische Kirche hat die Würde von Menschen verletzt. Sie diskriminiert und sortiert aus. Sie ist nicht das Opfer der Täter. Sie ist die Institution der Täter. Mara Klein gehört ihr an, ich gehöre ihr an, 23 Millionen in Deutschland gehören ihr an. Das macht nicht alle im Verein zu Verbrechern, aber jede und jeder müsste sich die Frage stellen: Was habe ich getan – und was nicht?


Harmloses wurde kriminalisiert, Kriminelles verharmlost


Die Spitze dieser Institution hat alle moralischen Maßstäbe verrückt. Sie hat in ihrer Lehre das Harmlose kriminalisiert und in ihrem Tun das Kriminelle verharmlost. Sie relativiert - gerne im Namen des Kampfs gegen den Relativismus -, wo es nichts zu relativieren gibt. Die Gläubigen an der Basis  wurden Zeuginnen und Zeugen eines umfassenden Leitungsversagens. Aber wir vom Verein, wir hier unten, können uns nicht nach oben entlasten. Viele von uns haben nicht nachgefragt, bagatellisiert, weitergemacht. Die Opfer haben auch die Gemütlichkeit der Gemeinden gestört.


Ich bin weder Täterin noch Opfer, ich gehöre zu denen dazwischen, die viel zu lange weggesehen und „Laudato Si“ in der Endlosschleife geschrammt haben, weil es in der Jugendgruppe immer so schön und Jesus so ein toller Typ war. Über die Doppelmoral haben wir jovial hinweggesungen.


Die Saiten meiner jovial katholischen Gitarre sind gerissen. Heute hier, morgen dort, singt Hannes Wader. Gehen oder bleiben? Ich hoffe, dass Mara Klein bleibt, damit nicht alles bleibt, wie es ist.

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© 2017 by Christiane Florin