Das mariamesrianische Prinzip
Heldinnen-Award der Alice-Schwarzer-Stiftung 2026: Laudatio für Maria Mesrian
Berlin, 28. September 2026
Von Christiane Florin
Vor 7 Jahren hat eine gewisse Maria Mesrian eine Laudatio auf mich gehalten. Wir waren damals noch per Sie. Maria, das hier ist die Revanche.

Zusammengeführt hat uns das Engagement für die Gleichberechtigung von Frauen in der römisch-katholischen Kirche. Wobei das zu harmlos ausgedrückt ist: Uns verbindet der Kampf gegen Diskriminierung, gegen eine angeblich göttliche Ordnung, in der geweihte Männer Frauen ihren Platz zuweisen und verhindern wollen, dass die Weiber aufstehen.
Maria Mesrian hat katholische Theologie studiert, sie weiß also, wo ihr Platz sein sollte. Falls Sie hier im Publikum nicht so firm sind in der römisch-katholischen Lehre, fasse ich kurz zusammen, was 2000jähriges männliches Nachdenken über das weibliche Wesen ergeben hat: Demnach hat DIE Frau (immer mit bestimmtem Artikel) in der römisch-katholischen Kirche eine bestimmte Bestimmung, entweder zur geistlichen oder zur körperlichen Fruchtbarkeit. Die Frau hat also die Wahl: Ordensfrau oder Mutter und Ehefrau. Ganz gleich, wofür sie sich entscheidet: Immer ist sie dienend, bescheiden und still. Männliche Wesen haben – Überraschung! - die freie Auswahl.
1960 Jahre lang galt die Frau als minderwertig, seit einigen Jahrzehnten wird die Herabsetzung raffinierter formuliert: „Die Frau ist gleichwertig, aber nicht gleichartig“, sagte der Heilige Johannes Paul II. Hauptsache artig, sage ich immer.
Eine Katholikin ist also ein Wesen, das viel muss und wenig darf. Individuelle Benachteiligung aufgrund eines gruppenbezogenen Merkmals nennt man gemeinhin Diskriminierung. Im katholischen Kosmos gilt das als „wahre Gleichheit“.
Päpste berufen sich gern auf das marianische und das petrinische Prinzip, diese Prinzipien ergänzen einander. Ergänzen - das hört sich gleichberechtigt an, aber was ergänzt werden soll, das bestimmt – nächste Überraschung! - Petrus, nicht Maria.
Marianisches Prinzip meint: Der Mann bekommt das Amt, die Frau das Ehrenamt. Hat ER die Macht, ergänzt SIE die Demut. Wenn ER spricht, ergänzt SIE das Lächeln. Wenn ER gibt, sagt SIE danke. Wenn ER nichts gibt, dankt SIE auch.
Diesem Marianischen Prinzip hat die Preisträgerin das MariaMesrianische Prinzip entgegengesetzt. Ehefrau und Mutter ist Maria Mesrian geworden, aber irgendwas ist schiefgelaufen: Sie wurde nicht dienend, bescheiden und still.
2019 entstand aus einem kirchlichen Lesekreis in Münster die feministische Bewegung Maria 2.0. Es ist immer gefährlich, wenn man Frauen lesen lässt.
Gleichwertig und nicht artig hat Maria Mesrian die Bewegung ins Hillije Köln ausgedehnt. Sie hat laut verkündet: Es stimmt was nicht mit der römisch-katholischen Bestimmung des Weibes. Vor allem stimmt etwas nicht mit den Bestimmern.
Diese Maria macht keinen Knicks vor Päpsten aus lauter Dankbarkeit dafür, dass es Messdienerinnen gibt. Sie küsst Bischöfen nicht den Ring, weil auch Frauen Theologie studieren dürfen. Sie lobt Spitzenkleriker nicht dafür, wenn sie ihren Frauenförderplan zeigen. Es braucht in der katholischen Kirche ja nicht viel, um Kardinal auf liberal zu reimen; da muss nur einer im Interview sagen, er könne sich Diakoninnen vorstellen und schon gilt er als Reformer.
Auf solche Männer fällt Maria Mesrian nicht rein. Sie gibt sich nicht mit Diskriminierungsempfindensminderung zufrieden. Sie fordert Gleichberechtigung. Und das, obwohl DIE katholische Frau nur bitten darf, nicht fordern.
Die unartigen Marias sind in den Kirchenstreik getreten. Sie haben zumindest zeitweise aufgehört, den Altar zu dekorieren, dem Priester die Gewänder rauszulegen, auf dem Pfarrfest Waffeln zu backen.
Maria 2.0 hat demonstriert und informiert. Du, Maria, hast auf der Kölner Domplatte gestanden, mit Lautsprecherwagen und Megafon. Beim Sternmarsch zum Dom im März 2020 waren 1000 Frauen dabei, beim digitalen Protest im Corona-Dezember 2020 haben sich 15.000 Menschen zugeschaltet, darunter sogar Männer. Maria, du bist zum Glück keine stille Heldin.
Die Gründung von Maria 2.0 ist nun eine Weile her, die Streiks sind vorbei, die Megafone eingepackt. Anders als bei der Lokführergewerkschaft GdL wurden die Streikziele nicht annähernd erreicht. DIE Frau bekommt weiterhin die hinteren Plätze zugewiesen. Co-klerikale Katholikinnen von Maria 1.0 sagen: „Hier sitze sich gern, ich will gar nicht nach vorn.“
„Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen“, heißt es im Magnificat, dem Lobpreis Mariens im Evangelium. Diese Worte sind wichtig für die feministische Theologie, sie sind wichtig für Maria 2.0, sie sind, so glaube ich zu wissen, auch persönlich wichtig für Maria Mesrian.
Sie klingen nach einer Umsturzfantasie, sind aber zunächst einmal eine Analyse: Es gibt Macht und es gibt Machtmissbrauch, und zwar gerade dort, wo alles mit dem Wort „Dienst“ verbrämt wird. Die sogenannte Frauenfrage ist in der römisch-katholischen Kirche eine Machtfrage. Die geweihten Männer mit Entscheidungsmacht wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen sitzen bleiben, ungestört von aufständischen Weibern. Sie diskriminieren mit voller Absicht.
Platzanweisen ist Machtmissbrauch und keine nette Geste. Dafür hat Maria Mesrian Tausenden Katholikinnen den Blick geschärft. Der Blick auf die diensthabenden Kleriker war bei katholisch sozialisierten Frauen oft viel zu milde. Maria Mesrian hat mit ihren Interventionen klargemacht: Wir reden nicht allein davon, dass Frauen nicht zur Priesterin geweiht werden dürfen. Wir reden von einer Geschlechterordnung, in der Frauen männliche Gewalt demütig und verzeihend ertragen sollen.
Das marianische und das mariamesrianische Prinzip habe ich erklärt. Um das Heldinnentum der Preisträgerin zu verstehen, muss ich ein drittes Prinzip vorstellen. Ich nenne es das rainermarianische Prinzip.
Frauen sind keine Missbrauchspräventionsgeschöpfe, und dennoch hängt das Engagement für Gleichberechtigung mit dem Einsatz für die Betroffenen sexualisierter Gewalt zusammen. Macht ist das Schlüsselthema.
2018 veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz eine erste Missbrauchsstudie. Sie zeigte: Die vielen tausend Opfer klerikaler Gewalt wurden Jahrzehnte lang von Würdenträgern ignoriert, die Täter wurden geschützt. Der Erzbischof von Köln Rainer Maria Woelki versprach 2018 schonungslose Aufarbeitung. Als die für ihn unbequem wurde, versicherte er, er habe von sexualisierter Gewalt nichts geahnt, nichts gewusst und sei nicht damit befasst gewesen. Wer das Gegenteil behauptet, lernt kardinaleske Anwälte mit robustem Mandat kennen.
Am Amt hängt, zum Amt drängt alles. Das ist das rainermarianische Prinzip.
„Die Wahrheit wird euch frei machen“, heißt es zwar im Evangelium, aber die Lüge ist der Klebstoff am Bischofssitz.
Maria Mesrian hat gegen Vertuschung protestiert, gegen die Instrumentalisierung der Betroffenen, sie hat – im Rheinland geht nichts ohne Humor – ein Beichtmobil in Domnähe aufgestellt. Kein Kleriker und erst recht kein Kardinal hatten Beicht-Bedarf.
Zu den katholischen Wundern gehört, dass sich Bischöfe nach jedem Missbrauchsgutachten zwar erschüttert zeigen, ihr Thron aber nicht wackelt.
Was hat Maria dem rainermarianischen Prinzip entgegengestellt? Sie hat Betroffene sexualisierter Gewalt ganz schlicht gefragt, was sie brauchen. Sie hat sie als Individuen ernstgenommen. Sie hat nicht einfach „zugehört“, um ein Modewort zu bemühen; sie hat sich Gedanken darüber gemacht, wie sie Menschen gerecht wird: den weiblichen Betroffenen wie den männlichen, denen mit Doktortitel wie denen ohne Schulabschluss, jenen, die als Kinder von einem Priester vergewaltigt wurden, wie jenen, die als Erwachsene sexuellen Übergriffen ausgesetzt waren.
Nur weil Menschen Ähnliches erlebt haben, sind ihre Bedürfnisse nicht gleich. „Was brauchen Sie, was brauchst du?“, hat Maria Mesrian gefragt. „Eine Kaffeemaschine und ein Raum zum Reden“, lautete die Antwort. Das gibt es seit 2022 bei Leuchtzeichen, der Beratungsstelle im Kölner Filmhaus. Betroffene sexualisierter Gewalt bekommen, wenn sie mehr als reden wollen, psychosoziale Begleitung und rechtliche Unterstützung, etwa für das demütigende Verfahren zur „Anerkennung des Leids“ in der katholischen Kirche.
„Leuchtzeichen“ stellt in den kleinen Räumen unweit des Doms ganz große Fragen nach Gerechtigkeit und Wahrheit. Was ist Gerechtigkeit, wenn die Betroffenen sexualisierter Gewalt weder in kirchlichen noch in weltlichen Verfahren recht bekommen? Wer übernimmt Verantwortung für das Unrecht, wenn die bemützten Kleriker sich wegducken? Steht in all den Gutachten, was wirklich geschehen ist?
Opfer sexualisierter Gewalt werden erst durch die Täter verletzt, dann durch die Eiseskälte der Institutionen. Auch Bischöfe wie Reinhard Marx, Stephan Ackermann und Georg Bätzing haben Betroffenen Unrecht angetan, nicht allein Rainer Maria Woelki. Maria Mesrian hat so vielen Betroffenen aktiv zugehört, dass sie auch hier nicht auf die Männer mit dem liberalen Lächeln reinfällt.
Der Verein hinter „Leuchtzeichen“, Robin Sisterhood, betreibt bei Wind und Wetter Aufklärungsarbeit. Maria und ihre mittlerweile vielen Unterstützerinnen und Unterstützer ziehen übers Land und verkaufen strapazierfähige Socken und wärmende Kapuzenpullis mit dem Sisterhood-Vogel. Die Ausstellung „Shame“ zeigt Betroffene sexualisierter Gewalt in künstlerischen Fotos, die Porträts wandern durch ganz Deutschland. Auf Marktplätzen, auf Katholikentagen, in Galerien verwickelt die Sisterhood Menschen in Gespräche über sexualisierte Gewalt. Denn zu kämpfen haben Betroffene nicht allein mit einer ignoranten Institution, sie ringen auch mit einer abgestumpften Öffentlichkeit, die von dem „leidigen Thema“ nichts mehr hören will. „All die Gutachten, all die Kommissionen, man hat doch schon so viel aufgearbeitet, jetzt sind die Sportvereine und die staatlichen Einrichtungen dran“, heißt es in kirchlichen Kreisen. Relativierung ist das Letzte, was Betroffene brauchen.
Maria, du hast das Leben vieler Menschen wärmer gemacht. Durch Socken, Pullis, Kaffee, vor allem durch stilles Händehalten und durch lauten Protest.
Die Mächtigen, die sitzen noch immer auf Ihrem Thron. Geändert hast du sie nicht. Aber geärgert. Es lebe das mariamesrianische Prinzip!



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