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Keinzelfall - wirklich kein Einzelfall

vor 1 Tag
2 Min. Lesezeit

Die Duisburger Caritas und das Bistum Essen haben den Aufarbeitungsbericht zum Caritas-Kinderdorf „Maria in der Drucht“ veröffentlicht. Es ist jenes Heim, in dem „Heinz“ von 1965 an schwerste Gewalt erlebte. Es ist jenes Heim, von dem ich in dem Buch „Keinzelfall“ erzähle. Im Buch haben wir uns für ein Pseudonym entschieden, mittlerweile spricht „Heinz“ öffentlich mit seinem richtigen Namen.




Ohne den Mut und die Beharrlichkeit von Karl-Heinz Rütten - so heißt Heinz in Wirklichkeit - wäre niemals öffentlich geworden, welches Grauen Kinder dort erlebten. Ohne ihn wäre die Legende von der „guten Heimstatt“ im Geiste christlicher Nächstenliebe fortgeschrieben worden.


Der Aufarbeitungsbericht ist gründlich, genau und beklemmend. Er zeigt: „Heinz“ ist wirklich kein Einzelfall, viele Kinder waren in „Maria in der Drucht“ sexualisierter Gewalt ausgesetzt. Alle geistlichen Leiter sind Beschuldigte, auch Erzieherinnen und andere Angestellte haben Kinder missbraucht und geschlagen. Die Jungen und Mädchen galten als minderwertig, waren Willkür und Sadismus schutzlos ausgeliefert.


Der Bericht gliedert sich in drei Teile: eine historische Rekonstruktion von Andreas Henkelmann, eine Interviewstudie von Manuela Dudeck und eine Aufarbeitung der Nicht-Aufarbeitung von Bettina Janssen.


Vor allem die Interviewstudie, die auf intensiven Gesprächen mit ehemaligen Heimkindern basiert, lässt einen erschaudern. Ich lege sie vor allem jenen ans Herz, die meinen, dieses „leidige Thema“ sei endlich durch, abgeschlossen, jetzt müsse mal Ruhe sein. Wir reden hier über schwerste Menschenrechtsverletzungen mitten in der Bundesrepublik, noch dazu in einer Einrichtung mit der Nächstenliebe im Namen und im Dienste einer Religion, die feiert, dass Gott als Kind in die Welt kam. Mit der in den 1960er Jahren noch üblichen Prügel in Familie und Schule lässt sich diese Gewalt nicht rechtfertigen, auch das zeigt der Bericht.


Natürlich habe ich diesen Bericht auch mit einem journalistischen, berufsethischen Blick gelesen: Stimmt das, was ich in „Keinzelfall“ geschrieben habe? Die Arbeit an dem Buch war schwierig, die Aktenbasis dünn, die Auskunftsbereitschaft auf kirchlicher Seite begrenzt. Der Aufarbeitungsbericht bestätigt meine Recherchen. In Teil 3 habe ich zudem einiges darüber erfahren, was meine Anfragen beim Bistum Essen und bei der Caritas ausgelöst haben.


Beide hatten schon lange Kenntnis von den Vorwürfen gegen das Heim. Bei der Duisburger Caritas hat erst die jetzige Vorständin Julia Schröder die Schuldgeschichte recherchieren lassen, ihr Vorgänger nicht. Wenn man den dritten Teil liest, wird auch deutlich, dass es den angeblichen „Kulturwandel“, der nach dem „Missbrauchsskandaljahr“ 2010 behauptet wurde, kaum gegeben hat. Es gab keine proaktive Aufarbeitung, kein ernsthaftes Interesse am Schicksal der Kinder. Da musste erst Karl-Heinz Rütten als Betroffener aktiv werden.


Was die Wissenschaftler*innen nicht ausführlich beschreiben, was für mich aber ein wichtiger Punkt bleibt, ist der Klassismus in der Aufarbeitung. Der Bericht stellt sehr gut dar, wer in Kirche und Caritas wann was wusste, aber nichts im Sinne der Betroffenen unternahm. Nach meinen Recherchen hatte diese Ignoranz auch damit zu tun, dass die Profis von der Caritas glaubten, man müsse diese ehemaligen Heimkinder - oft bildungsbenachteiligt, oft mit gebrochenen Biografien - nicht ernstnehmen. Sie waren es offenbar nicht wert, sich mit ihnen zu beschäftigen. Es gab immer Wichtigeres. Eine Schuldgeschichte schädigt das Image eines Sozialkonzerns, also stellt man sich ihr besser nicht.


Danke, Kalle!


 
 
 

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